Mit Ballett aus Zürich Nur Repertoire: Der Netzwerker drückt doch mal ein Auge zu

Von Ralf Döring | 30.07.2012, 16:27 Uhr

Freunde einladen darf jeder, auch der Chef der Salzburger Festspiele. Warum sollte Alexander Pereira nicht Heinz Spoerli, seinen Ballettchef aus den eben erst zu Ende gegangenen Zürcher Tagen, nach Salzburg holen?

Ganz einfach: Weil Spoerli nur im Repertoireschrank gewühlt und Choreografien aus den Jahren 2009 bis 2011 hervorgekramt hat. Dabei rechtfertigt Pereira seine ausufernden Budgetwünsche unter anderem mit dem Verweis auf die Einmaligkeit von Festspielen. Wiederaufnahmen in Oper und Schauspiel gestattet er daher nicht – und bei Spoerlis Zweitverwertung drückt er ein Auge zu? Seltsam.

Auch bleibt der künstlerische Ansatz des Gastspiels fragwürdig, nämlich das Streichquartett zur Basis von Tanz zu machen. Klar bieten die exquisiten Tänzerinnen und Tänzer aus Spoerlis Zürcher Ballett sowie Solisten aus dem Zürcher Ballett, dem Royal Swedish Ballet und dem Bayerischen Staatsballett einiges fürs Auge. Doch zu gegenseitiger Befruchtung taugt die Kombination nicht: Leoš Janáceks Streichquartett Nr. 2 mit dem Titel „Intime Briefe“, Antonín Dvoráks „Amerikanisches Quartett“ und Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ profitieren nicht vom Tanz, verdanken es im Gegenteil allein der interpretatorischen Tiefe und Meisterschaft des Hagen-Quartetts, dass sie nicht niedergetanzt werden.

Eingebunden ist das Konzert in die Reihe „Über die Grenze“, die das Kammermusikwerk Dvoráks beleuchtet. Gleichzeitig bildet es den Auftakt zu einem Zyklus mit dem Hagen-Quartett – dank solcher Querverweise spannt sich das Konzertprogramm wie ein dichtes Netz über die Festspiele. So schlägt das Konzert der Wiener Philharmoniker unter Valery Gergiev einerseits mit Igor Strawinskys „Psalmensymphonie“ eine Brücke zur „Ouverture spirituelle“, jener Kirchenmusik-Reihe, die Pereira dem eigentlichen Festspielbeginn vorschaltet. Andererseits läutet Gergiev – mit einem russischen Programm – die Reihe der Orchesterkonzerte mit den Wiener Philharmonikern ein.

Auf Hits verzichtet der russische Dirigent dabei. Die düsteren „Lieder und Tänze des Todes“ von Modest Mussorgski beispielsweise hat der russische Komponist Alexander Raskatov mit kammermusikalisch feiner Feder neu instrumentiert und mit Zwischenspielen versehen: ein herrlich farbiges Umfeld für den fantastischen Tenor Sergei Semishkur, den Gergiev aus seinem Mariinsky-Theater mitgebracht hat.

Die volle Philharmoniker-Pracht hebt sich Gergiev fürs Finale auf: In Sergej Prokofjews fünfter Sinfonie zeigt sich das edle Orchester von seiner klangsinnigsten Seite. Die muss sich dann weder programmatisch rechtfertigen, noch braucht sie den Promifaktor einer Netrebko im Publikum: Die einmalige Klangkultur steht für sich – ein Wert, über den auch manches Orchester verfügt, das aus kleinlichen Gründen vor der Schließung steht.