Millionenspiel mit Bildern und Oldtimern Affaire um Helge Achenbach weitet sich aus

Von Dr. Stefan Lüddemann | 06.07.2014, 18:29 Uhr

Welches Ausmaß hat die Affaire um den Kunstberater Helge Achenbach? Während neben dem Aldi-Erben Berthold Albrecht weitere Namen von womöglich finanziell Geschädigten auftauchen, stellt sich drängend eine weitere Frage: Welchen Schaden nimmt die Kunst?

„Ich habe nie geglaubt, dass Kunst so teuer und zu einer Ersatzwährung für Investoren werden würde“, sagte Helge Achenbach 2008 im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung. Achenbach, einer der Erfinder des Art Consulting, hat die unglaubliche Wertsteigerung der zeitgenössischen Kunst nicht nur als staunender Zeuge miterlebt, er hat sie als gewiefter Art Consulter wesentlich mitgestaltet. „Mein erstes Bild von Gerhard Richter kaufte ich, als ihn nur wenige kannten, ein Kerzenmotiv für 18000 Mark“, sagte Aachenbach der Neuen Osnabrücker Zeitung weiter. Inzwischen sind nicht nur Bilder Richters Millionen wert - Christie’s versteigerte 2011 eine „Kerze“ Richters für zwölf Millionen Euro – auch Achenbach hat für Vermittlungen von Kunstwerken Richters, von Joseph Beuys oder Georg Baselitz Provisionen in Millionenhöhe eingestrichen und an verdeckten Preisaufschlägen noch einmal verdient.

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Genau das wirft ihm die Staatsanwaltschaft Essen vor, die Achenbach im Juni in Haft nehmen ließ. Achenbach kam gerade aus Brasilien zurück, wo er das Quartier der deutschen WM-Mannschaft mit Kunst ausgestattet hatte. Achenbach vermittelte auch die Sponsoren-Kooperation von VW und dem New Yorker Museum of Modern Art – ein großer Coup.

Aufschlag auf Preise?

Bislang schätzen die Anwälte der Familie Albrecht den Schaden, der durch verdeckte Preisaufschläge Achenbachs entstanden sein soll, auf 20 bis 30 Millionen Euro. Nach einem „Focus“-Bericht hat der Düsseldorfer Kunstvermittler dem Aldi-Erben Kunstwerke für 48 Millionen und Oldtimer-Autos für 73 Millionen Euro vermittelt. Die Provision lag für diese Transaktionen jeweils zwischen drei und fünf Prozent. Den Magazinen „Spiegel“ und „Focus“ zufolge liegt den Ermittlern eine Liste mit 200 Kunstverkäufen Achenbachs vor. Diese Liste soll die Namen der Künstler, nicht hingegen die Namen der Käufer verzeichnen. Bislang war bekannt geworden, dass neben Berthold Albrecht auch Pharma-Unternehmer Christian Boehringer geschädigt worden sein soll.

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Die Ermittlungen werfen nicht nur ein Licht auf die Geschäftspraktiken von Helge Achenbach, sondern auch auf das Beziehungsgeflecht zwischen Kunst, Geld, Künstlern, Kunsthändlern und Sammlern, das der Kunstberater virtuos gesponnen hat und als Person beispielhaft verkörpert. Zu Aachenbachs Ideen gehörte die Gründung der Sammlung „Rheingold“, einer Einkaufsgemeinschaft von gut Betuchten, zu denen auch die Brüder Viehoff (Allkauf-Kette) gehören. Unter der Regie von Helge Achenbach kaufen die „Rheingold“-Sammler hochpreisige Gegenwartskunst und vermitteln sie als Dauerleihgaben an Museen. Als Kooperationspartner nannte Achenbach seinerzeit gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung das Kölner Museum Ludwig, das Siegener Museum für Gegenwartskunst, das Museum Abteiberg in Mönchengladbach und das Düsseldorfer Museum Kunstpalast. „Rheingold“ überlässt die Kunst den Museen für zwanzig Jahre, kann sie dann aber wieder abziehen.

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Genau diese Konstellation ist immer wieder in die Kritik geraten. Betreiben Sammler mit solchen Leihgaben nicht am Ende die Wertsteigerung ihrer Bestände? „Wer weiß, was in 20 Jahren ist? Ich kann mir vorstellen, dass dann alles im Museum bleibt“, sagte Achenbach seinerzeit im NOZ-Gespräch zu dem Thema. Inzwischen ist klar, dass vor allem das finanzielle Interesse im Vordergrund steht. Achenbach bedient eine Kundenklientel, in der nicht mehr der passionierte Kunstkenner, sondern der Investor dominiert. Ein abstraktes Bild von Gerhard Richter oder doch ein Ferrari 250 GT Berlinetta, wie ihn Achenbach für Aldi-Erben Berthold besorgt hat? Die Differenz spielt im Bluechip-Denken des Edelkonsums wohl keine Rolle mehr.

Kunst für die Macht?

Entsprechend hoch ist auch der symbolische Schaden, der mit der Affaire Achenbach der Kunst entsteht. Die Geschäftspraktiken Achenbachs haben nicht nur die Preisgestaltung für Künstler und Galeristen offenbar manipulativ verändert, sie haben auch schmerzhaft deutlich gemacht, wie sehr Kunst nur noch als verschiebbare Ware zählt. Damit wird aber die Rolle zweifelhaft, die zeitgenössische Kunst in der Kultur der Gegenwart spielen kann. Kunst gerät unter den Generalverdacht, vor allem den Wünschen von Investoren zu folgen. Das mindert ihren kulturellen Wert.

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Entsprechend agieren immer mehr Künstler selbst wie Unternehmer, die ihre Werke als Marken platzieren. Von der Achenbach-Affaire fällt ein anderes Licht auf Immendorffs Bilder des Kanzlers Gerhard Schröder, auf Andreas Gurskys Börsen-Fotos oder Gerhard Richters Hyperformate. Ist das alles Machtkunst, Kunst für Konzernfoyers, Spiegelfläche der Hochfinanz? Da geht es um mehr als einen verschmerzbaren Imageschaden.

Helge Achenbach verkörpert ein Beziehungsgeflecht, das Rolle und Wert der Kunst selbst verändert hat. Dazu passen Konzerne, die ganze Sammlungen wie Handelsware transferieren, Museen, die Kunstwerke nur noch zu Bedingungen privater Investoren erwerben können, weil sie über eigene Ankaufsetats kaum noch verfügen – und Sammler, die Kunst nicht aus Leidenschaft erwerben, sondern um freies Geld zu platzieren. (Mit dpa)