„Meister und Margarita“ Neue Lesereise des Theaters Osnabrück ist gestartet

Von Anne Reinert | 21.11.2015, 09:00 Uhr

Das Theater Osnabrück geht in dieser Spielzeit mit Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ auf Lesereise durch die Stadt. Der Auftakt fand im Theater am Domhof statt.

Das Teufelspaktmotiv ist im Theater nichts Ungewöhnliches. Goethes „Faust“ gehört schließlich zum Standardrepertoire der Bühnen. Für seine Lesereise zaubert das Theater Osnabrück Satan in anderer Form aus dem Hut: mit Michail Bulgakows „Meister und Margarita“.

Der satirische Roman ist im stalinistischen Moskau der 1930er-Jahre angesiedelt, wo Religion unerwünscht ist. Schließlich herrscht die Überzeugung, dass der Mensch selbst seine Geschicke lenkt. In diese Welt tritt Satan höchstpersönlich in Gestalt eines Spezialisten für Schwarze Magie ein und bringt viel Chaos in den bürokratisch geregelten Überwachungsstaat. Schon allein dieses Setting war eine Provokation unter Stalin. Der Roman durfte erst ein Vierteljahrhundert nach Bulgakows Tod erscheinen.

Im Buch gebe es viele Anspielungen auf Stalins Diktatur, erklärte Schauspieldramaturg Sven Kleine beim ersten Teil der Lesereise im Oberen Foyer des Theater am Domhof. So verschwinden Menschen, was in der damaligen Sowjetunion eine alltägliche Erfahrung war. Denn Stalin ließ politisch Unerwünschte in Arbeitslager bringen.

Das Theater greift mit „Meister und Margarita“ nach Thomas Manns „Der Zauberberg“ und Uwe Tellkamps „Der Turm“ wieder ein Buch auf, mit dem nicht nur eine Geschichte, sondern auch Geschichte erzählt wird. Gelesen wird an sechs Orten, die zum Roman passen. Für diejenigen, die nicht jede Lesung verfolgt haben, fasst Dramaturg Kleine das Geschehen am Anfang jedes Abends zusammen. „Das ist bei diesem Buch nicht ganz einfach“, schmunzelte er. Schließlich gibt es zwei Handlungsstränge: einen im Moskau des 20. Jahrhunderts und einen weiteren um Pontius Pilatus.

Zum Auftakt herrschte im Foyer mit Bistrotischen und Plakaten aus dem damaligen Moskau zeittypische Atmosphäre, während die Schauspieler Thomas Hofer und Thomas Kienast die ersten drei Kapitel in einer gewitzten szenischen Lesung präsentierten. Die Titelfiguren sind bis dahin noch gar nicht aufgetreten: der „Meister“, ein Schriftsteller, und seine Geliebte Margarita, die sich auf einen Handel mit dem Teufel einlassen wird. Letzterer taucht dagegen schon auf den ersten Seiten auf und stellt sich als „Sachverständiger“ vor.

Michail Bulgakow schrieb mehr als zehn Jahre an seinem berühmtesten Roman, den er erst kurz vor seinem Tod 1940 vollendete. Stalin habe seine ersten Bücher zwar geliebt, erklärte Sven Kleine. Doch in den letzten zehn Jahren durfte Bulgakow nichts mehr veröffentlichen und lebte „unter der Hungergrenze“.

Erscheinen konnte „Meister und Margarita“ 1966. Auch im Westen wurde der Roman ein Erfolg. Die „New York Times“ bezeichnete das Buch etwa als „Meisterwerk“. Keine Frage, es lohnt sich, dieser literarischen Reise durch die Stadt zu folgen.