Festivalsommer 2022 Meine erste Fusion: Eine Nacht zwischen Raves, Kyiv Mule und FKK

Von Katharina Golze | 05.07.2022, 11:58 Uhr

Mit einem Sonntagsticket taucht Reporterin Katharina Golze in den Kosmos der Fusion ein und erlebt die letzten Stunden des begehrten Techno-Festivals.

In diesem Artikel erfährst Du:

  • Welchen Schlag Menschen unsere Reporterin auf der Fusion trifft
  • Inwiefern die Fusion mehr als Techno ist und irgendwie Sowjet-Charme hat
  • Welche Rolle Emma, Keta oder Koks auf dem Festival spielen

Als die letzten Sonnenstrahlen des Tages die Tanzwüste in goldenes Licht färben, liegt Glückseligkeit auf den Gesichtern der tanzenden Menschen. DJ Xenaia spielt melodische Techno-Beats und lässt die staubige Bühne, umgeben von Birken und freihängenden Lampen, ein letztes Mal auf dem diesjährigen Fusion Festival beben.

Seit Mittwoch feiern 75.000 Menschen in Lärz in der Mecklenburgischen Seenplatte. Die Tickets für die erste Fusion seit Corona waren lange vorher ausverkauft. Doch während die ersten ihre Zelte bereits abgebaut haben, beginnt für gut 1200 Techno-Fans erst am Sonntag das Festival – mit einem Sonntagsticket, das es in der „Botschaft“, direkt auf dem Gelände, zu kaufen gab. Für mich ist es das erste Mal auf der Fusion. Freundinnen fahren seit mehreren Jahren nach Lärz und haben mich mit ihrer Begeisterung angesteckt. Auch ich möchte in diesen Kosmos eintauchen und kaufe mir ein Ticket.

Ticket für einen 24-Stunden-Rave auf dem Fusion-Festival

Bereits in der Regionalbahn von Berlin nach Neustrelitz am Sonntagmorgen ist klar, wer zur Fusion fährt. Junge Menschen in bauchfreien Tops, mit Glitzerbauchtaschen und Reiserucksäcken trinken ihr Bier zwischen Fahrradtouristen und Familien, die an den See wollen. Mal mit, mal ohne Zelt im Gepäck. Einige wollen die Nacht durchmachen. Auf der Fusion gibt es keine Pause. Auf einer der 40 Bühnen steht immer ein Künstler, egal ob nachts um 5 Uhr oder mittags um 12 Uhr. So wie es Techno-Fans aus Berliner Clubs wie dem ‚Sisyphos‘ gewöhnt sind. Für das Festival waren 1150 Acts angekündigt.

„Ich hatte so Sehnsucht“, erzählt eine junge Frau, bevor sie in Neustrelitz aussteigt und den Shuttlebus zum Festivalgelände nimmt. Sie war zwar 2021 auf dem Plan:et C – einem der drei kleineren Festivals, die sich der Verein Kulturkosmos als Fusion-Ersatz ausgedacht hatte. Aber das war nicht so geil, sie will wieder die große Fusion. Die meisten, die mit dem Sonntagsticket anreisen, kennen das Festival und wissen, dass sich die 70 Euro lohnen. Seit acht Jahren fährt er jedes Jahr zur Fusion, erzählt ein junger Mann mit langen Haaren und Glitzerlack auf den Nägeln. „Warst du schon mal auf einem Festival?“, fragt er mich. „Die Fusion ist anders.“

Freikörper und Kultur auf dem Fusion-Festival

Und das erkenne ich spätestens als ich auf der Bühne Sonnendeck zum ersten DJ tanze. Barbusige Frauen, Mädchen in Bikinis und Männer in Kimonos und Stoffwesten lassen sich treiben und tanzen barfuß oder in ihren Lederboots im Sand. Nacktheit gehört hier dazu. Es gibt sogar einen FKK-Rave hinter dem Badesee am Kanal.

Die 40 Bühnen an einem Tag zu sehen ist schier unmöglich, selbst sechs Tage Festival mögen nicht ausreichen. Es gibt Bühnen für Theater und Workshops, für Performances und Kino. Sogar einen Kinderspace für die Raver, die ihre Kinder in Tragetüchern herumtragen oder mit Lärmschutzkopfhörern übers Gelände flitzen lassen. Den Großteil machen aber die Techno-Floors aus, die sich in alten Flugzeughallen und anderen Überbleibseln des einstigen Sowjet-Militärflughafens befinden, in pompösen Zelten oder an frischer Luft und in glühender Hitze liegen. „Jedes zweite Getränk ein Wasser“ ist der Tipp der Gäste bei Temperaturen über 30 Grad Celsius. Auf dem Gelände sind Wasserspender verteilt. Dazu wird ausschließlich vegane und vegetarische Kost gereicht.

Zeltplatz und Festivalgelände verschmelzen auf der Fusion. Ein beliebter Floor namens Bachstelzen liegt am Rande des Campingplatzes im Wald versteckt. Hier findet die Afterhour nach Sonnenaufgang statt, wenn die anderen Bühnen Pause machen. „Es gibt wieder nur Techno zum Frühstück“ heißt es an der Crêpes-Bar. Andere Bühnen oder das Kino liegen etwa fünf Kilometer entfernt. Nicht ohne Grund leihen sich die Besucher Fahrrädern oder radeln mit bepackten Fahrradtaschen zum Festival. 60 Leute sogar von Berlin aus.

Sowjet-Charme auf dem Fusion-Festival

Je näher der Abend rückt, desto voller werden die Bühnen. Alle sind zum Raven hier. „Fusion ist nicht nur Hardcore-Techno. Es sind zig verschiedene Floors mit zig verschiedenen Musikrichtungen“, sagt ein junger Berliner, der mit dem Sonntagsticket kam. Es läuft Trance, Drum & Bass, House, Dub, Goa. Die DJs, die hier auflegen, sind den meisten Besuchern bekannt. Sie heißen Oxia, Oliver Koletzki oder Mehr is Mehr. Aber es spielen auch Bands und Musiker wie Danger Dan, K.I.Z. und Leoniden. Die Herausforderung ist, die richtige Bühne zu finden und nicht seine Truppe zu verlieren. Der Notfall-Treffpunkt: Der Konsum, der Festival-Supermarkt.

Das Festival ist sowjetisch geprägt. Manche Bühnen sind in russischer Schrift betitelt, das Festival feiert laut Website den „Ferienkommunismus“ (trotz 220 Euro Ticketpreis), dazu die FKK-Vibes und linke Haltungen, die sich auf Plakaten wie „Frontex kills for EU“ wiederfinden. Im Mai war das Festival mit Äußerungen zum Ukraine-Krieg in die Kritik geraten. Russische wie ukrainische Künstler sind im Programm, an der Bar heißt der Moscow Mule jetzt aber Kyiv Mule. Die meisten Besucher scheinen hier aber nicht wegen politischer Debatten zu sein. Sondern zum Raven, Feiern, Eskalieren.

Polizeikontrollen und Drogen sorgen für Ärger beim Fusion-Festival

Die Techno-Szene und das Festival stehen auch für eine bestimmte Art zu feiern. Die Polizeikontrollen an den Anreisetagen, bei denen einige Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz festgestellt wurde, nannten die Besucher und Veranstalter „anlasslos“ und forderten: „Hört auf uns zu kriminalisieren!“ Es gehört aber auch zur Wahrheit, dass manche mitten auf dem Floor koksen, Emma gegen Keta tauschen, und fragen: „Willst du auch was?“. Fragt man Festivalbesucher, welche Rolle Drogen für sie auf einem Festival spielen, sagen sie, dass sie das Gemeinschaftsgefühl und das Erleben der Musik intensivieren. Und dass man schlichtweg länger durchhält. Wer fünf Nächte durchtanzen will, sucht sich Energiequellen. Laut Polizeiinspektion Neubrandenburg wurden im Abreiseverkehr am Sonntag und Montag mehrere beeinflusste Fahrer festgestellt, die unter Drogeneinfluss fuhren.

„Ich habe meine Schuhe kaputt geraved“, sagt jemand am Shuttle-Bus. Am Montagmorgen warten etliche bereits früh um acht Uhr auf den Shuttlebus, der sie zum Bahnhof Neustrelitz bringt, oder auf die Reisebusse Bassliner, die die Besucher weiter bis nach Amsterdam, Rotterdam oder München fahren. Laut Polizei klappt die Abreise störungsfrei. Auch wenn noch bis Montagabend auf der letzten Bühne aufgelegt wird, ist für die meisten das Festival jetzt vorbei. Ihre Gesichter sehen glücklich aus, und erschöpft. Auch ich strahle, auch wenn mich meine Beine kaum noch halten können.

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