Literarische Reaktion mit Zeitverzögerung Beigbéder durchbrach Schockstarre

Von Elke Schröder | 09.09.2011, 18:05 Uhr

Als Frédéric Beigbéder zwei Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als erster prominenter Autor einen Roman über diesen Tag veröffentlichte, hatte das noch etwas von einem Tabubruch: „Ein mutiges, ein kühnes Buch“ schrieb die „New York Times“. Ausgerechnet der französische Skandalautor versuchte sich literarisch den Ereignissen in den Zwillingstürmen in New York zu nähern. Der Autor musste sich die Frage gefallen lassen, ob ein Roman über die Terroranschläge nicht die Gefühle der Hinterbliebenen verletze. „Absolut nicht. [...] dürfen wir aus Respekt vor den Opfern die Geschichte unserer Epoche ignorieren? Romane haben immer schon den Schrecken erzählt. Und ich weiß nicht, warum der 11. September den Essayisten, Philosophen und Politikern vorbehalten sein sollte“, antwortete er damals unserer Zeitung.

Beigbéder erzählt in „Windows on the World“ von einem Vater und seinen zwei Söhnen, die sich während der Anschläge im titelgebenden Restaurant im Nordturm des World Trade Centers befinden. Ihr Weg in den Tod wird minutiös begleitet. Er wird nur durch Beigbéders autobiografisch-kulturkritische Gedanken durchbrochen.

Romane renommierter Autoren, die danach folgten, rückten nicht das Sterben, sondern das Überleben nach den Anschlägen und das Umgehen mit der permanenten terroristischen Bedrohung in der westlichen Welt in den Fokus: Von der Geschichte eines traumatisierten Neunjährigen, dessen Vater bei den Terroranschlägen getötet wurde, handelt Jonathan Safran Foers „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005). Mit dem Deutschen Buchpreis wurde 2006 Katharina Hackers Roman „Die Habenichtse“ ausgezeichnet. Es ist die Geschichte einer vergeblichen Suche nach innerem Frieden, erzählt vor dem Hintergrund der 09/11-Anschläge und des Irakkrieges. Einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwart meldete sich dann 2007 literarisch zu den Anschlägen in New York: Don DeLillo. Im Zentrum seines klug komponierten Romans „Falling Man“ steht Immobilienmakler Keith Neudecker, ein Überlebender. Das Grauen im World Trade Center lässt ihn nicht los – er fällt aus seinem sozialen Gefüge.