Laue Regie, Musik auf Wohlklang getrimmt Salzburger Festspiele 2014: Don Giovanni - ein Mann von heute?

Von Ralf Döring | 31.07.2014, 19:53 Uhr

Was den Bayreuthern Wagner, ist den Salzburger Festspielen Mozart: Deshalb gibt es dieses Jahr bereits die dritte Neuproduktion des noch gar nicht so alten Jahrtausends. Diesmal versuchen sich Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf und Dirigent Christoph Eschenbach daran. Mit mäßigem Erfolg.

Im Programmheft spricht Sven-Eric Bechtolf von unserer übersexualisierten Zeit, von den Widersprüchen, die Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadeus Mozart ihrem „Don Giovanni“ mitgegeben haben, kurz: von den Schwierigkeiten, die Oper auf die Bühne zu bringen. Das liest sich, als wolle er schon im Vorfeld die Erwartungen in die Neuproduktion der Salzburger Festspiele dämpfen. Ein Wurf ist die Inszenierung dann auch nicht geworden.

Dabei ist Bechtolfs Konzept schlüssiger als etwa das der letzten Neuproduktion von Claus Guth: Der schickte das ganze Personal in den Wald, vermutlich, weil das noch niemand vorher gemacht hatte. Dazu ließ Bertram de Billy die Wiener Philharmoniker scheppern wie eine durchgedrehte Blaskapelle – da geht es diesmal weitaus eloquenter im Haus für Mozart zu.

Eine Hotellobby dient als Spielwiese für den gnadenlosen Verführer. Dazu bemühen Bechtolf und sein Ausstatterpaar Rolf (Bühne) und Marianne Glittenberg (Kostüme) die Zwanziger-, Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, vielleicht, weil in jener Epoche mondäne Eleganz und versteckte Dekadenz sich so eng verbandelten? Wie auch immer: Es laufen ein paar Militärs und ein bisschen Personal durchs Haus, in den Zimmern stecken Prostituierte, und Mephisto ist auch von Anfang an mit von der Partie – das ist Bechtolfs kleiner Coup, aus dem er die Schlusspointe entwickelt.

Bis dahin schnurrt die Geschichte aber reibungslos und ohne große Überraschungsmomente ab: Ein bisschen treppauf und treppab, ein bisschen Versteckspiel, gebrochene Herzen und, dank Luca Pisaroni, ein bisschen Slapstick in der Figur des Leporello. Und natürlich Ildebrando D’Arcangelo als Titelheld: ein schwarz gelockter Bilderbuch-Macho von umwerfendem Charme und mit Testosteron in der Stimme. Dass darüber manche verführerischen Nuancen verloren gehen – geschenkt. Der Bass von D’Arcangelo hat abgründige Schwärze und die gleiche virile Beweglichkeit, mit der sein Don Giovanni Frauen umgarnt, Gegner verprügelt, lügt und, wenn’s heiß wird, flüchtet.

Nun hat Bechtolf sicher recht: Mozart und da Ponte haben eine zutiefst widersprüchliche Figur geschaffen. Das hat Mozart auch komponiert – nur bleibt das bei Christoph Eschenbach unausgesprochen. Statt das aufklärerische Potenzial, das verschreckende und auch das satirische Moment der Musik zu betonen, ergründet er lieber die gepflegte Schönheit, die ihm die Wiener Philharmoniker bieten. Wo etwa Don Giovanni im ersten Finale sein „Viva la libertà“ singt, blitzt es nicht nur auf der Bühne, sondern auch in Mozarts Musik. Nur dimmt Eschenbach dieses revolutionäre Potenzial herab auf gemütliches Wohnzimmer-Halbdunkel. Auch Don Giovannis Höllenfahrt mit ihren Gotteszorn-Posaunen verliert so ihren Schrecken. Doch lyrische Passagen profitieren von dem kultivierten Wohlklang, etwa Andrew Staples, der als lyrischer Don Ottavio seine Arien auf zarten Grund bauen kann.

Lenneke Ruiten neigt als Donna Anna zu schrillen Ausbrüchen, Anett Fritsch ist eine flackernde Donna Elvira, der Eschenbach aber den barocken Furor nimmt. Überzeugender als die beiden adligen Damen ist aber die bezaubernde Zerlina der Valentina Nafornia. Und bei den Männern? Alessio Arduini und Tomasz Konieczny sind als Masetto und Comendatore adäquat besetzt, und Luca Pisaroni ist ein Leporello mit Humor und mehr Einfühlungsvermögen in der Stimme als sein Herr.

Mit dem hat Bechtolf noch etwas vor: Don Giovanni stirbt – und steht zum Schlusschor wieder auf –, er hatte wohl mit Mephisto einen Pakt geschlossen. Der Preis: ewige Kreuzfahrt auf dem Meer von Wollust und Liebe. Die spannendste Idee des Abends.