Kunsthalle Bremen zeigt Expressionisten auf Reisen Kurzes Glück vor dem Krieg

Von Dr. Stefan Lüddemann | 10.06.2014, 09:30 Uhr

Emil Nolde, August Macke, Max Pechstein: Die Kunsthalle Bremen zeigt Expressionisten auf Reisen - von Fehmarn bis Neuguinea.

Bremen. „Ei, waren das Kerle! Sie waren wild, mit ihrem mächtigen Haar, mit ihrem Schmuck aus Muscheln“, erinnert sich Emil Nolde. 1913 begegnet der Maler der Meere und Mohnblumen in Neuguinea den Insulanern der Südsee. Einer der Nolde wild vorkommenden Männer schlägt gar mit der Bambusstange nach ihm, als er dessen Porträt aquarelliert. Verliert der Mensch mit seinem Abbild nicht auch die Macht über sich selbst? Fetischzauber und europäische Kunstavantgarde stoßen hier unvermittelt aufeinander. Doch Nolde sucht, wie andere Expressionisten, nur eines – das Bild vermeintlich unverbildeter Menschen .

Noldes „Kopf eines Eingeborenen“ gehört zu jenen Zeichnungen, Aquarellen und Druckgrafiken, mit denen die Kunsthalle Bremen nun jener „fremden Schönheit“ nachspürt, die expressionistische Maler einst auf Reisen suchten. Nolde und Max Pechstein in der Südsee, August Macke in Tunis, die Maler der „Brücke“ an der Nord- und Ostsee, wo Ernst Ludwig Kirchner von jenem „Südseereichtum“ der Farben schwärmte, den er auf Fehmarn gefunden zu haben glaubte. Die Kunsthalle Bremen verfügt über 300 Blätter der „Brücke“-Künstler und immerhin 100 Handzeichnungen August Mackes, die nach einer Macke-Ausstellung 1964 aus dem Nachlass erworben wurden, so die Angaben von Henrike Hans, die die Ausstellung eingerichtet hat.

Ob wilde Männer in der Südsee oder Fischer am Ostseestrand: Die Expressionisten zeichnen und malen die kantige Kontur eines Lebens abseits angeblich abgenutzter Zivilisation. Nolde kommt 1913 in die Südsee, Pechstein noch 1914 nach Palau, Macke im gleichen Jahr nach Tunis – unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg malen sie das Paradies. Braune Menschenkörper im kobaltblauen Wasser, gezackte Palmblätter im Wind, lagernde Kamele im Orient: Während die Maler ihre Farben explodieren, ihre Formen kühn ausgreifen lassen, rutscht Europa in die Katastrophe . Pechstein wird noch in der Südsee von Japanern interniert, Macke fällt wenige Monate nach seiner legendären Tunisreise an der Westfront. Die Kunst zerschellt im Krieg .

Bremen erinnert an den Augenblick, als die Welt in den Augen der Maler noch heil war. Erich Heckel formt seinen „Parksee“ 1914 zum Sinnbild einer sich selbst bespiegelnden Naturharmonie. Kurz darauf fällt das Kunstparadies in Scherben. Aber auf diesen Bildern hält die Welt den Atem an – für eine Sekunde des reinen Glücks.

Bremen, Kunsthalle: Fremde Schönheit. August Macke und die Künstler der „Brücke“ auf Reisen. Bis 17. August. Di. 10–21 Uhr, Mi.–So. 10–18 Uhr. www.kunsthalle-bremen.de