Kunstausstellung in Münster Was sind eigentlich die „Skulptur-Projekte“?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 05.06.2017, 14:30 Uhr

Die „Skulptur-Projekte“ in Münster starten am 10. Juni 2017 zum fünften Mal. Aber was sind diese „Projekte“ eigentlich? Ein Porträt in Fragen und Antworten.

 Was sind die „Skulptur-Projekte“? Die „Skulptur-Projekte“ sind eine internationale Großausstellung zum Thema Skulptur, die seit 1977 alle zehn Jahre in Münster stattfindet. Die Exponate werden dabei zum weit überwiegenden Teil im Außenraum des Stadtgebietes gezeigt und sind für Besucher frei zugänglich. Das Kuratorenteam lädt internationale Künstlerinnen und Künstler ein, die ihre Projekte an selbst gewählten Orten realisieren. Die Ausstellungsbeiträge konzentrieren sich vor allem in der City und rund um den Aasee. Inzwischen befinden sich 36 Skulpturen in Münster, die nach den bisher vier Ausgaben des Kunstformates permanent im Stadtraum verblieben sind. Hier weiterlesen: Was erwartet uns 2017? Das Konzept der fünften „Skulptur-Projekte“. 

 Wie wichtig sind die „Skulptur-Projekte“? Die Ausstellung gilt heute als international wichtigstes Format zum Thema Skulptur und Kunst im öffentlichen Raum. Mit Joseph Beuys, Claes Oldenburg, Donald Judd, Eduardo Chillida, Richard Serra, Bruce Nauman, Rosemarie Trockel, Isa Genzken, Dan Graham und vielen anderen haben maßgebliche Künstler der letzten Jahrzehnte an den „Skulptur-Projekten“ teilgenommen. Das Münsteraner Ausstellungsformat wird immer wieder mit der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig verglichen. Die Skulptur-Projekte eröffnen auch jeweils zeitgleich mit der im gleichen Jahr ausgerichteten Documenta. Besucher aus aller Welt besuchen dann nicht nur Documenta und Biennale, sondern kommen auch nach Münster, um die „Skulptur-Projekte“ zu sehen. Hier weiterlesen: Was ist eigentlich die Documenta? Ein Porträt in Fragen und Antworten. 

 Wie sind die „Skulptur-Projekte“ entstanden? Den Anstoß gab ein öffentlicher Streit um die Plastik „Drei rotierende Quadrate“ von George Rickey, die von der Stadt angekauft werden sollte. Das Ansinnen löste 1977 massive Bürgerproteste aus. Die Kuratoren Klaus Bußmann, seinerzeit Direktor des Münsteraner Landesmuseums, und Kasper König reagierten auf die Kontroverse mit einer Ausstellung zur Geschichte der modernen Skulptur von Auguste Rodin bis zur Gegenwart und den ersten im Außenraum installierten „Skulptur-Projekten“. Mit dieser Ausstellung stellten die Kuratoren die Frage nach dem Stellenwert von Skulptur im öffentlichen Raum. Bußmann und König haben mit ihrem Format die Diskussion über den Umgang mit zeitgenössischer Kunst weit über Münster hinaus entscheidend belebt. Hier weiterlesen: Münster - eine Stadt im Skulpturenstau? 

 Wie reagiert das Publikum auf die „Skulptur-Projekte“? Die Ablehnung moderner Kunst traf in den ersten Jahren auch die „Skulptur-Projekte“. Aufgebrachte Bürger versuchten 1977 bei der ersten Ausgabe des Ausstellungsformats, Claes Oldenburgs „Giant Pool Balls“ in den Aasee zu rollen. Werke wie „Madonna“ von Katharina Fritsch oder das gläserne „Fun House for Münster“ von Dan Graham wurden gezielt beschädigt, entwendet oder zerstört. Mit den positiven Reaktionen auf das Ausstellungsformat im In- und Ausland änderte sich hingegen das Bild. Spätestens seit der dritten Ausgabe des Formates 1997 sind die „Skulptur-Projekte“ als Teil des Stadtbildes und der Identität der Stadt akzeptiert, ja geliebt. Inzwischen werden die „Skulptur-Projekte“ erfolgreich vermarktet. Kuratoren hingegen betonen immer wieder, dass die „Skulptur-Projekte“ trotz ihres Erfolges auch ihren Charakter als kontroverse Debatte um aktuelle Kunst behalten sollen. Hier weiterlesen: Wie entstehen die „Skulptur-Projekte 2017? Ein Werkstattbericht. 

 Was haben die „Skulptur-Projekte“ bewirkt? Mit den „Skulptur-Projekten“ hat sich das Verhältnis der Öffentlichkeit zur zeitgenössischen Kunst maßgeblich verändert. Das Münsteraner Format hat wesentlich dazu beigetragen, Kunst in den öffentlichen Raum zu tragen und damit auch außerhalb der Museen zu etablieren. Ebenso wie die Documenta in Kassel haben die „Skulptur-Projekte“ in Münster Anstöße zu öffentlicher Debatte über Kunst und ihren Stellenwert gegeben. Die Münsteraner identifizieren sich voll mit ihren „Projekten“, zumal das Ausstellungsformat zum international gesuchten Anziehungspunkt geworden ist. Die Münsteraner Großausstellung hat bewirkt, dass zeitgenössische Kunst heute von vielen Menschen besser als früher akzeptiert und als Teil eines aufgeschlossenen Lebensgefühls gesehen wird. Hier weiterlesen: Was bieten die „Skulptur-Projekte“ 2017? Kuratorin Marianne Wagner im Interview. 

 Wer finanziert die „Skulptur-Projekte“? Die „Skulptur-Projekte“ 2017 werden mit einem Etat von 6,5 Millionen Euro geplant. Mit jeweils 1,5 Millionen Euro sind nach den Angaben die Stadt Münster und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) die größten Förderer. Die Sparkassen-Finanzgruppe steuert 1,1 Millionen bei. Eine weitere Million kommt von der Kulturstiftung des Bundes. Das Land Nordrhein-Westfalen gibt 600000 Euro, weitere Sponsoren 335000 Euro. Nach den Angaben der Veranstalter sollen 500000 Euro durch Eigeneinnahmen finanziert werden. Die Ausstellungsmacher erwarten rund 600000 Besucher. Hier weiterlesen: Einfach zu hässlich? Der bizarre Streit um Skulpturen von Henry Moore.

 Wie prägen die „Skulptur-Projekte“ Münsters Stadtbild? 36 künstlerische Projekte der bisherigen Ausgaben der „Skulptur-Projekte“ sind seit 1977 im Stadtbild Münsters verblieben. Vor allem die „Giant Pool Balls“, drei gigantisch überdimensionierte Billardkugeln aus Beton, die der amerikanische Pop-Art-Künstler Claes Oldenburg 1977 installierte, sind längst zum Postkartenmotiv avanciert. Vollen Spaßfaktor garantiert die 1987 aufgestellte „Kirschensäule“ von Thomas Schütte. Das Kunstwerk auf dem Harsewinkelplatz zeigt ein knallrot lackiertes Kirschenpaar auf Sandsteinsäule. Zum Stadtbild gehört auch Ulrich Rückriems neunteilige „Dolomit“-Skulptur an der Petrikirche zwischen Fürstenberg-Haus und Juridicum. Der 1997 von Jorge Pardo am Aasee errichtete , 40 Meter auf das Wasser hinaus ragende Steg wurde erst 2007 wieder instandgesetzt. Hier weiterlesen: Vor 40 Jahren - Rückriems Steinskulpturen provozieren Münster. 

 Was ist mit der fünften Ausgabe der „Skulptur-Projekte“ zu erwarten? Die fünfte Edition des Ausstellungsformates wird vom 10. Juni bis zum 1. Oktober 2017 ausgerichtet werden. Als Kuratoren zeichnen Kasper König, Britta Peters und Marianne Wagner verantwortlich. Sie haben unter anderen die Kunststars Ayse Erkmen, Gregor Schneider und Hito Steyerl eingeladen, die ihre Projekte im LWL Museum für Kunst und Kultur und am Hafen realisieren wollen. Das Kuratorenteam wird für die fünfte Edition der „Skulptur-Projekte“ den Begriff von Skulptur noch einmal wesentlich erweitern. So gehören 2017 vor allem Performances zum Programm. Alexandra Piricis Performance wird im Friedenssaal des Rathauses statfinden. Xavier Le Roy und Scarlet Yu werden Passanten in Gespräche verwickeln. Und Michael Smith etabliert am Hansaring ein Tattoo-Studio. Hier weiterlesen: Documenta in Athen - wie das Ausstellungsformat die Kunst verändert. 

 Aktuelle Berichte, Hintergründe und Bilder zu den „Skulptur-Projekten“ auf www.noz.de/kunst 

 Info: www.skulptur-projekte.de