Wohin geht es mit der Kultur? Tobias Knoblich: Wir brauchen neue Herkunftsgewissheit

Von Dr. Stefan Lüddemann | 04.07.2022, 12:00 Uhr

Kommen der Kultur die Besucher abhanden? Kulturpolitiker suchen nach Konzepten für die Zeit nach Corona. Tobias Knoblich von der Kulturpolitischen Gesellschaft stellt eine Frage völlig neu.

Für Tobias Knoblich markiert die Corona-Pandemie mit ihren Folgen einen tiefen Einschnitt für die Kultur - und vor allem für die Kulturpolitik. "Die Sicherheit kulturpolitischer Setzungen ist geschwunden. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt. Konzepte wie Kulturstaat oder Kulturbürger spielen nicht mehr die Rolle, die sie einmal hatten", sagt der Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft und Erfurter Kulturdezernent. Kultur als Bespielung, Kultur als Versorgung, Kultur als Moderation - all diese Konzepte kulturpolitischer Debatten der letzten zwei, drei Jahrzehnte haben ihre Definitionskraft verloren. Jetzt suchen nicht nur Künstler und Programmmacher, sondern auch Kulturpolitiker neu ihren Weg.

„Starkes Bedürfnis nach Geselligkeit“

"Die bürgerliche Kultur hat es nach den Lockdowns sehr schwer, an die Besucherzahlen, die vorher erreicht wurden, anzuknüpfen", teilt auch Tobias Knoblich die Beobachtung, dass gerade die klassischen Kulturinstitutionen noch nicht wieder jenen Besucherstand erreicht haben, der vor der Corona-Krise normal war. Knoblich teilt das Publikum nach seinen aktuellen Gewohnheiten in zwei Gruppen. Dabei geht es nicht um die Opposition von Alt und Jung oder Klassisch und Modern, sondern um die Frage: Drinnen oder Draußen? "Umgekehrt werden Open Air Veranstaltungen mit Zerstreuungscharakter sehr gut angenommen. Die Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach Geselligkeit, danach, herauszukommen aus den Gebäuden", macht Knoblich den Kontrast auf.

Wie gewinnt man das Publikum wieder für ernsthafte Themen?

Zugleich verschiebt sich seiner Beobachtung nach der Fokus von ernsten Themen hin zu einer neuen Form der Unterhaltung. "Ich beobachte, dass Menschen ein starkes Bedürfnis danach haben, beiläufig etwas mitzunehmen, sich zu zerstreuen. Die Frage ist, wie man das Publikum wieder mehr für ernsthafte Themen gewinnt", konstatiert Knoblich und blickt dabei auf Kontraste, die sich ihm in der eigenen Stadt darbieten. So habe das ambitionierte und bestens eingeführte Literaturfest Erfurter Herbstlese jetzt Probleme mit den Besucherzahlen, während das Stadtfest stark frequentiert gewesen sei. Ein möglicher Grund: Alle Angebote des Stadtfestes waren kostenlos.

„Wir brauchen kulturellen Konsens“

Für Tobias Knoblich kann es jedoch nicht dabei bleiben, in der Kultur nur etwas beiläufig mitzunehmen und sich treiben zu lassen. "Wir leben in einer permissiven Gesellschaft, in der viele Einzelinteressen eine Rolle spielen. Die Frage ist nur, was unsere Gesellschaft gerade auch kulturell zusammenhält", spricht Knoblich die Frage kultureller Identität an. Eine Willkommenskultur hält auch der Erfurter Dezernent für richtig. Zugleich stelle sich aber auch die Frage danach, was eine Kultur zentriere. "Wir brauchen einen neuen kulturellen Konsens, eine Herkunftsgewissheit. Wir müssen die Frage nach Herkunft und Identität wieder mehr stellen", forderte Tobias Knoblich. Identität dürfe nicht nur dekonstruiert, sie müsse auch wieder stark gemacht werden. Dabei müssten gesellschaftliche Zentrifugalkräfte eingefangen werden. Es sei ein neues Nachdenken über die eigenen Inhalte geben, sagte er abschließend.

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