Kultur Zu ungeduldig für den Schneckengang

14.07.2009, 22:00 Uhr

Mehr Willy wagen: Günter Grass ist nicht nur als Autor eine lebende Legende. Auch als Wahlkämpfer gibt er seit Jahrzehnten eine streitbare Figur ab. Sein Engagement gilt – mit Unterbrechungen – der SPD. 1965, 1969 und 1972 ging der Schöpfer der „Blechtrommel“ für die „Es-Pe-De“ auf Tour und unterstützte mit Willy Brandt den politischen Hoffnungsträger einer ganzen Generation. Damit bekannte sich der spätere Literaturnobelpreisträger früh zur politischen Verantwortung der Intellektuellen.

Dass dies niemals ohne innere Widersprüche abgeht, setzte Grass auch in Literatur um. „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ (1972) enthält den lebendigen Bericht einer bewegten Zeit und Reflexionen eines Mannes, der bei allem Engagement einsehen muss, dass politische Verhältnisse ihre eigene Trägheit haben. Veränderungen gehen nur langsam vor sich – im Schneckengang eben. Günter Grass ist für solche Mühen der Ebene entschieden zu ungeduldig und obendrein kein Freund politischer Kompromisse. 1982 tritt er in die SPD ein, 1993 tritt er wieder aus. Der Grund: Protest gegen die Asylpolitik der Partei.

Ihren politischen Zielen bleibt er dennoch treu. Seinem Hang zu öffentlicher Einmischung auch. Der „Trommler“ Grass tritt 1998 wie 2002 für die Sozialdemokraten in gewohnt vehemente Aktion, hält allerdings auch immer wieder kritische Distanz. Gerhard Schröder muss Kritik wegen seiner Sozialpolitik einstecken. Darüber hinaus wendet sich Grass gegen die totale Ökonomisierung der Gesellschaft und dabei auch gegen die Sozialdemokraten, die er in dieser Frage auch auf falschem Kurs sieht. Günter Grass bleibt sich treu – als Mahner und Warner, der es nicht allen recht macht.