Kultur Vom Kultur-Schützer zum Kultur-Vernichter?

16.07.2009, 22:00 Uhr

Wird die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Verwertungsrechte (GEMA) vom „Kultur-Schützer“ zum „Kultur-Vernichter“? Mit dieser Befürchtung schließt der Text einer Petition an den Bundestag, die Monika Bestle von der Sonthofener Kulturwerkstatt eingebracht hat. Darin wird die Vermutung geäußert, dass kleine Clubs wegen zu hoher Gebühren bald keine Konzerte mehr veranstalten können.

„Kulturveranstaltungen wie unsere kleinen Konzerte bringen jetzt schon mehr Freude, als dass sie sich finanziell lohnen“, sagt auch David Geißler vom Osnabrücker Kulturcafé Mojo, das Platz für bis zu 50 Gäste bietet. Geißler fürchtet – wie viele andere kleine Veranstalter in Deutschland – eine Gebührenerhöhung von 600 Prozent. Geißlers Angst sei unbegründet, meint dagegen Kulturplaner Klaus Terbrack vom Forum Osnabrück für Kultur & Soziales e.V.: „Eine Gebührenerhöhung gilt nur für große Veranstalter, die Konzerte für mehrere Tausend Besucher veranstalten.“ Terbrack ist auch als Dozent für Veranstaltungsmanagement am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg tätig und kennt die Strukturen der GEMA genau: „Das Tarifsystem im Live-Musik-Bereich ist veraltet und inkonsistent“, meint er. Als Beispiel führt er ein Konzert einer Band an, die fast ausschließlich GEMA-freie Musik gespielt hat. Als Zugabe trug sie Rio Reisers Stück „König von Deutschland“ mit einem neuen Text vor. Daraufhin waren 150 Euro GEMA-Gebühren, ein Drittel der Gage, fällig. Terbrack kann aber generell die Sorgen der Veranstalter gut verstehen.

Im Tarif U-VK ist vorgesehen, dass zum Beispiel für ein Konzert in einem 400 Quadratmeter großen Saal bei einem Eintritt von elf Euro 352,80 Euro an die GEMA abgeführt werden müssten – gleichgültig, ob 50 oder 500 Zuschauer kommen. „Das ist für viele Veranstalter unwirtschaftlich und unangemessen“, sagt Terbrack. Falls nur 50 Besucher zu diesem Beispiel-Konzert kämen, wäre die sogenannte Missverhältnisregelung zuständig. Sie besagt, dass die Gebühren nicht mehr als zehn Prozent von den Konzert-Einnahmen betragen dürfen. „Das weiß nur keiner, und die GEMA sagt es auch niemandem“, erklärt Peter Finger süffisant. Der Musiker, Veranstalter und Verleger hat auf mehreren Ebenen mit der Gesellschaft zu tun. In seiner Eigenschaft als Verleger berät er Musiker in Sachen Gebühren.

Die Forderung der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages nach mehr Transparenz in der GEMA unterstützt auch Peter Finger. Sie wurde in dem im Dezember 2007 veröffentlichten Bericht „Kultur in Deutschland“ aufgestellt.

Mehr Transparenz ist auch die Kernforderung der an den Bundestag gerichteten Petition. Die GEMA will diese Forderung nun umsetzen. „Veränderungen einer auch international vernetzten Organisation wie der GEMA können aber nicht ad hoc geschehen, sondern brauchen Zeit“, sagt GEMA-Sprecherin Isabel Palmtag gegenüber unserer Zeitung. Neuerungen, wie der Sozial- und Kulturtarif der GEMA, der Kleinveranstaltern bessere Rahmenbedingungen bieten soll, seien bereits umgesetzt worden, so Palmtag.

Weder Peter Finger noch Klaus Terbrack plädieren für eine Abschaffung der GEMA. Finger nennt sie eine „Solidargemeinschaft“. Terbrack spricht sich für eine Vereinfachung insbesondere des Tarifsystems aus: „Die Tarife sind ein einziger Dschungel. Um da zu einem richtigen Ergebnis zu kommen, muss man sich schon verdammt gut auskennen.“