Kultur Lieber Boogie als Mercedes-Benz

08.07.2004, 22:00 Uhr

Eigentlich sollte die Veranstaltung unter freiem Himmel stattfinden: Im Rahmen der von Fokus angebotenen Reihe "Kultur im Innenhof" stand der Osnabrücker Blues- und Boogie-Musiker Thomas Gerdiken auf dem Spielplan.

Tatsächlich startete das Konzert "open air" im idyllischen Innenhof des Hauses der Jugend. Allerdings war der Herr des Wetters an diesem Abend nicht gnädig gestimmt, und es fing schon bald an zu regnen. Nicht zum Nachteil für die Zuschauer, denn so wurden diese Zeugen einer Art Doppelkonzert, das den Pianisten und Sänger Gerdiken aus zwei verschiedenen Perspektiven präsentierte: Draußen am E-Piano und mit Verstärkeranlage, drinnen am Flügel ohne technische Hilfsmittel. Gerdiken ist dafür bekannt, dass er auch größere Hallen unverstärkt mit seiner Musik zu füllen versteht.

Zunächst aber Thomas Gerdiken, wie manche ihn noch von diversen Auftritten während der Maiwoche kennen: Mit seinen Markenzeichen, der markanten Brille und dem buntem Käppi, versehen, hat er hinter seinem E-Piano Platz genommen und singt zu groovenden Klaviertönen: "Ich brauche keinen Mercedes-Benz, ich muss keine Karriere machen, ich brauche nur meinen Boogie Woogie." Die Musik ist sein Lebenselixier und der rollende Bluesableger seine große Leidenschaft. Nur eins stimmt an seiner Aussage nicht wirklich: Karriere hat der Mann durchaus gemacht.

Als er vor fünf Jahren beschloss, Osnabrück erst einmal den Rücken zu kehren, und sein musikalisches Glück fernab der Heimat zu suchen, wurde sein Stellenwert immer höher. An prominenten Orten spielte er vor prominenten Zuhörern. Das ist nicht nur auf die lebendige Art zurückzuführen, wie er dem Piano den Boogie Woogie entlockt, sondern auch auf die spezielle Weise, wie er sein Publikum anspricht. Schon nach zwei Stücken hat der Entertainer seine Zuhörer im Griff, sie singen mit, klatschen mit, beteiligen sich an kauzigen Ritualen. Eindeutiger Beweis für seine Talente: Nach dem witterungsbedingten Umzug in den Saal des Hauses der Jugend zeigt er seine vokale Potenz ohne Mikro und schafft es, zur Zugabe das gesamte Publikum vor und auf der Bühne zu versammeln, auf dass es mit ihm singe. Ein famoses, so noch nicht gesehenes Bild. Als wenn er es besonders liebte, wenn seine Fans ihm nahe sind und ihm im wahrsten Sinne des Wortes auf Finger schauen. Dann ist Thomas Gerdiken in seinem Element.