Kultur Lewitscharoffs rhetorischer Super-GAU

Eine Kolumne von Dr. Stefan Lüddemann | 09.03.2014, 16:05 Uhr

Mit ihren Thesen zu Fragen der künstlichen Befruchtung hat Sibylle Lewitscharoff schockiert. Ganz nebenbei zerlegt die Büchner-Preisträgerin auch noch ein Kulturformat: die Dichterrede. Eine Kolumne.

Sie „fühlt sich geehrt“, will „zu Gehör bringen“: In Dresden schockt die Büchner-Preis-Trägerin Sibylle Lewitscharoff nicht nur mit ihren von kaum verhüllten Ressentiments gekennzeichneten Thesen zur künstlichen Befruchtung . Sie entgeistert auch mit der Art ihres Vortrages, der unfassbare Aussagen mit Worthülsen aus der Welt der Bildungsfloskeln garniert.

Wortprägungen wie „Halbwesen“ oder „Fortpflanzungsgemurkse“ - beste Kandidaten für das Unwort des Jahres - spricht sie im getragenen Tonfall der großen Dichterrede aus. Am Ende applaudiert das Publikum so artig, wie es der Anlass einer „Dresdner Rede“ im Staatsschauspiel zu erfordern scheint. „An einem vorfrühlingsflackernden Sonntagmorgen“ lullt Lewitscharoff ihr Publikum mit Versatzstücken einer schönen Redeprosa ein, die sie ihren verstörenden Gedanken wie eine Fassade aus Artigkeiten vorblendet. Niemand protestiert. Dabei hat ausgerechnet eine Büchner-Preis-Trägerin nicht nur schiere Unmenschlichkeiten geäußert, sondern auch noch ein Kulturformat von gediegener Tradition zertrümmert - die Dichterrede.

Lewitscharoffs schwäbelnder Singsang, ihr gerolltes R, ihr gehauchtes „sehr, sehr ernscht“, ihre ganze wabernde Rhetorik fügen sich zu einem einzigen Imitat weihevoller Ansprachen aus einer Kulturwelt irgendwo zwischen Thomas Mann und Theodor Heuss. Lebte Loriot noch, er würde prompt eine Parodie aus Lewitscharoffs Phrasen formen, aus „heute in unserer modernen Gesellschaft“, „haben es die Götter nun einmal so gewollt“ oder „wir sollten das Leben genießen“ und was dergleichen noch mehr an sprachlichen Fertigbauteilen in diesem Vortrag verbaut und schlecht miteinander verfugt worden ist. Lewitscharoff formuliert den Zivilisationsbruch, der allein schon in dem Wort „Halbwesen“ liegt, in den Formeln wohlanständiger Bildungsbürgerlichkeit. Damit entwertet die Autorin nicht allein eine Redeweise oder - je nach Sichtweise - einen Jargon. Sie demontiert auch das Format der Rede als öffentlichem Anlass.

Die empörten Reaktionen auf die Dresdner Rede haben auch mit diesem Bruch mit den Konventionen eines Kulturformats zu tun. Mit ihren Reden erheben gerade Literaten den Anspruch, Marksteine des Diskurses zu setzen. Ihr Geschäft ist die Sinngebung. Darin liegt ein erheblicher Anspruch - und eine gerade im digitalen Zeitalter nicht zu unterschätzende Erwartungshaltung des Publikums. Auch als Blog-Beitrag hätten Lewitscharoffs Thesen heftige Reaktionen ausgelöst. Aber gerade das Format der öffentlichen Rede exponiert die düstere Abrechnung der Schriftstellerin besonders. Das Format nimmt Nachdenklichkeit für sich in Anspruch. Die Dichterrede bietet das fein abgewogene Wort, den geläuterten Gedanken. Lewitscharoff gibt sich wertkonservativ und lässt doch durchrutschen, was nach ihrem eigenen Bekunden „stärker ist als die Vernunft“. Was aber ist von der großen Rede anderes zu erwarten als Vernunft? Lewitscharoff nutzt das Format als Camouflage für etwas ganz anderes, für das, so der Dramaturg Robert Koall, „tropfenweise verabreichte Gift“ der Menschenverachtung im Gewand schwäbelnder Biederkeit.

Schriftsteller sind als moralische Instanzen immer weniger gefragt. Von Dichterfürsten schwurbelt nur noch ein sehr provinzielles Feuilleton. Aber von Autorinnen und Autoren wird erwartet, dass sie die Nuancen der Sprache, ihrer Sprache, nutzen, um das Denken weiter zu bringen, den Diskurs zu bewegen - und das im Sinn der Menschlichkeit. Lewitscharoffs Dresdner Rede imitiert den Gestus konservativer Humanitas. Ihre Rede von „heiterem Gewährenlassen“ verdeckt die eigentlich gemeinte Lieblosigkeit, die in ihren Thesen steckt. In Dresden mutierte die gelassene Dichterrede zum verbissenen Hetzdiskurs. Darin liegt der eigentliche Kulturbruch dieser Rede.

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