Kultur Ironische Nachrichten aus dem Prekariat

31.07.2009, 22:00 Uhr

Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Prekariat seinen Weg auf die Kabarettbühnen finden würde. Schließlich bieten arbeitslose oder als schlecht bezahlte Aushilfen jobbende Akademiker zu viel Potenzial für zynische Witze.

Beim „Ensemble Weltkritik“ besteht das akademisch geschulte Bühnenpersonal aus der Soziologin Silke Sumpf-Pretzsch (ehemals nur Sumpf) und dem Philosophen Thomas Lühmlich. Sie wurden von ihrem Fallmanager bei der Agentur für Arbeit gegen ihren Willen auf die Kleinkunstbühne geschickt. Da stehen sie also auf der Bühne im Innenhof des Hauses der Jugend: Sie mit verkniffenem Mund und „Arte“-Stofftasche in den Händen, er mit langen, ins Gesicht hängenden Haaren, die ihn wie den Klavier spielenden Hund Rowlf aus der Muppet Show aussehen lassen.

Wie es sich bei Akademikern gehört, erläutern die beiden ganz genau, was sie auf der Bühne machen: Auf die Introduktion folgt das Begrüßungslied. Die Wortquote darf außerdem nicht unter 25 Prozent fallen, wie Silke Sumpf-Pretzsch erklärt, bevor sie sich in eine Tänzerin im Rotlicht verwandelt.

Es bleibt aber nicht bei reiner Wortspielerei – die Bettina Prokert und Maxim Hofmann, wie die beiden Leipziger tatsächlich heißen, allerdings perfekt beherrschen. Selbst aus dem Stegreif gedichtet, ist es sehr lustig, was Silke Sumpf-Pretzsch über ihre Panikattacken zu singen hat. Überhaupt ist die diplomierte Sprecherin und Sprecherzieherin Prokert stimmlich bewundernswert präsent. Maxim Hofmann als schusseliger Pianist bildet einen guten Konterpart.

Bliebe es bei der theoretischen Erläuterung des Programmablaufs, würde das „Ensemble Weltkritik“ so verklemmt wirken wie seine Protagonisten. Doch das passiert nicht. Dafür sorgen schon allein kuriose Brüche. Etwa dann, wenn Thomas Lühmlich sich zu sanft tönender Musik und irgendwie esoterisch anmutenden Bewegungen in seine nächste Rolle „einfühlt“ – die ausgerechnet ein tumber Faschist ist. Auch das Publikum wird gern eingebunden. „Was war daran lustig?“ fragt Thomas Lühmlich fast vorwurfsvoll, als das Publikum über die im osteuropäischen Akzent sprechende „Natascha“ lacht. Und weil darauf keine Antwort kommt, putzt er erst einmal die 88 Tasten seines Keyboards und wartet eine Reaktion ab. Ein Stück weit ist es auch der Identifizierungsfaktor für ihre Altersgenossen, der das „Ensemble Weltkritik“ so anziehend macht. Demnach könnten Bettina Prokert und Maxim Hofmann das für ihre Generation sein, was Dieter Hildebrandt einst war. Doch das Ensemble hat mehr zu bieten als seine Generationsangehörigkeit, nämlich Wortwitz und Humor mit Tiefsinn.