Kultur Fataler Hang zum Apodiktischen

02.12.2002, 23:00 Uhr

"Über Theater nachdenken" war die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Düsseldorf übertitelt. Und das tat man auf recht unterschiedlichem Niveau. Zumindest, was die beiden ersten Podien zu "Macht und Ohnmacht der Theaterkritik" und zum "Schreiben über Tanz" anbelangte.

Fünf Thesen zum Dreiecksverhältnis Theater, Kritik und Publikum warf "Zeit"-Kritiker Gerhard Jörder in den "Ring" der kapital besetzten Runde aus drei Intendanten und drei Kritikern. Sein Verdacht: Das fein gesponnene und notorisch komplizierte Netz zwischen Theater, Publikum und Kritik hat Risse bekommen, die Ménage à trois" droht in eine Leidens- und Entfremdungsgeschichte umzuschlagen.

Die Ursachen suchte er, dem Thema entsprechend, erst einmal auf Seiten der Kritik. "Kritiker heißen am liebsten Hase", so sein Eindruck, sie drückten sich vor ihrer als altmodisch aufgefassten Verantwortung und ließen deutlich mehr "Vernichtungsenergie" als Offenheit, Neugier und Interpretationslust erkennen. Warum? Weil sich der Verriß oder das Lob eben leichter zu Papier brächten als die Stärken und Schwächen eines Theaterabends abwägende, Urteils-Unsicherheiten auch einmal zugebende Theaterkritik.

Die Apodiktiker, die "Verrissvirtuosen und Verzückungsspezialisten" haben aber auch deshalb Konjunktur, so Jörder, weil ein der Theaterbeobachtung fremdes Element zunehmend Einzug gehalten habe: Profilierung, Konkurrenz zwischen Zeitungen oder auch Sparten des Feuilletons, nach dem Motto: höher, schneller, weiter, je mehr Getöse, desto besser – auf Kosten des differenzierten Artikels, auf den die Chefetagen nur noch mit Gähnen reagierten.

Die Folge: eine Glaubwürdigkeitslücke der Kritik, die den Zuschauer mit seinen Zweifeln, seinem Nicht-Verstehen allein lässt – ein gefährlicher Scheidungsgrund für die "Ménage à trois". Auch von Seiten der Theater, wie die Frankfurter Schauspiel-Intendantin Elisabeth Schweeger, ihre Düsseldorfer Kollegin Anna Badora und Moderator Henning Rischbieter unisono nachsetzten. Den Bühnen gingen in den Kritikern derzeit die Partner verloren, die ihre Arbeitsprozesse unabhängig von mehr oder weniger perfekten Endergebnisses reflektierten – ein Vorwurf, den Torsten Casimir, neuer Feuilletonchef der "Rheinischen Post", so generalisiert nicht gelten lassen wollte.

Als Opfer einer "Markenzeichen-Kultur" versteht der Bochumer Intendant Mathias Hartmann nicht nur die Kritiker, sondern auch die Theater selbst, die nicht selten unter der Last überflüssiger Profilsuche zusammenbrächen. Derartiger Erfolgsdruck erzeuge Angst, die jedes kreative Wachstum ins Ungewisse verhindere.

Einzig Peter Iden, Kritiker der "Frankfurter Rundschau", wollte keine Verfallserscheinungen in den Feuilletonteilen erkennen, beklagte jedoch grundsätzlich das einsame, bisweilen "schwachsinnige" Geschäft der Kritikenschreiberei in nur vier Stunden Schreibzeit.

Jörders These von der Theaterkritik als immer noch "kapitalem Platzhirsch" im Spartenvergleich bestätigte unfreiwillig die Diskussionsrunde zum Tanz, die sich selten auf Augenhöhe mit dem Theater-Podium bewegte. Das lag nicht zuletzt an der Moderation vom Münsteraner Chefdramaturgen Horst Busch, der zu wenig gegeneinander führte, was sich an Kontroversem anbot.

Von welchen "Weltentwürfen" im Tanz, von welchen Zeichensystemen sprachen Katja Schneider von der Zeitschrift "Tanzdrama" und Lilo Weber, langjährige Tanzredakteurin der "Neuen Züricher Zeitung"? Gilt es nicht, solche Zeichensysteme als Kritiker zu erlernen, will man "analytisch" wie Wiebke Hüster, Tanzkritikerin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", über einen Tanzabend schreiben? Oder nach welchen Kriterien sonst ordnet man den flüchtigen "Sturm im Kopf", von dem Arnd Wesemann von der Fachzeitschrift "Ballettanz" sprach? Zu einer dem Theater und dem Publikum dienenden Kritikerhaltung oder zu einem im besten Falle dem Tanzereignis kongenialen, nazißtischen Schreibrausch?

Keine Antwort, nirgends. Und so fühlte man sich hier als Zuhörer allein gelassen - und hatte das ungute Gefühl, als sei das Sprechen über das Schreiben von Tanzkritiken eben erst erfunden worden.

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