Kultur Eine Ikone findet sich selbst

22.07.2009, 22:00 Uhr

In dieser Geschichte geht es um menschliche Schwächen, Stärken und Ängste. Betonung auf menschlich. Erzählt wird das allerdings mit Bildern von fast überirdischer Schönheit – jedes Bild ein Gedicht. Im Grunde konsequent, denn es geht um Dylan Thomas. Das Leben des walisischen Dichters war reich an Schwächen, Geldnot und Alkohol. Aber seine Gedichte sind perfekt.

Ein unterirdischer Raum, nur schwach beleuchtet, ein Londoner Luftschutzkeller: Der einzige Lichtblick steht hinten in der Ecke und singt. Keira Knightley, vermutlich schöner als je zuvor, unterhält als Vera Philipps die Soldaten. Ihre roten Lippen und die weißen Zähne leuchten, wie sie es in Wirklichkeit nie könnten.

Auf dem Bahnhof: Alles voller Soldaten auf dem Weg in den Krieg gegen die Deutschen. Uniformiert, grau in grau. Ein einziger bunter Fleck im Bild, und dieser Fleck springt im Gegenstrom der Soldaten übermütig die Treppe herunter. Sienna Miller als Caitlin MacNamara.

„Ich könnte dich mögen, möglicherweise aber auch nicht“, sagt Caitlin, die Ehefrau, zu Vera, der Jugendliebe – die beiden Frauen des Dichters. Schon ihr erster Dialog klingt ambitioniert lyrisch, und das setzt sich fort. Drehbuchautorin von „The Edge of Love“ ist Keira Knightleys Mutter Sharman Macdonald. Ihr Wunschregisseur John Maybury soll lange gezögert haben, das Projekt anzunehmen. Seltsam, wo doch der Ehrgeiz, diese Beziehungsgeschichte künstlerisch stark zu überhöhen, offenbar beiden zu eigen ist.

Und damit ist der Film einen ganz besonderen Weg gegangen. Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Verrat, Vergebung: Es ist, als tippten Bilder, Musik und Handlung alles, was Menschen erleben können, nur kurz an. Aber sie tun es so geschickt, dass Schwingungen entstehen, die kontinuierlich weitererzählen.

Zum Beispiel von Dylan Thomas (Matthew Rhys), der seine alte Freundin Vera immer so behalten möchte, wie sie mit 15 Jahren war, und dabei vergisst, sich für ihr Leben zu interessieren. Und von seiner Frau Caitlin, die ihren Egozentriker liebt und gleichzeitig an ihm zu verzweifeln droht. Ein Ausbund an Geradlinigkeit ist dagegen der Soldat William (Cillian Murphy), der, zumindest bis er in die Schlacht zieht, nichts tut, außer Vera zu lieben.

Und Vera? Sie ist die Ikone der drei, und die des ganzen Films. Eine Projektionsfläche für alle – bis sie endlich selbst weiß, wer sie ist und was sie eigentlich will.

Hauptfigur ist sie dabei ebensowenig wie einer der anderen. Die Story, die mit dem Tanz auf dem Vulkan der Londoner Bohème im 1944er Bombenhagel beginnt und ganz konventionell im verregneten Wales endet, hat das Beziehungsgeflecht als zentrale Figur. Die Perspektive wechselt immer wieder, und mit ihr verändern sich die Sympathien. Keine Festlegung, kein Urteil, nur eine Erzählung denkbarer Ereignisse.

Und je weiter die Handlung vorangeht, desto klarer werden die Bilder. London, das heißt Verzerrung. Die Kamera blickt wie durch ein Prisma oder wie ein Betrunkener, für den der Boden in Schieflage gerät. Wales wird mit dem Blick in die Weite erzählt. Viel Himmel, viel Natur, kleine, unbedeutende Menschen. Und alles ist gerade. Als hätten die vier hier zu sich gefunden. Aber ein paar ungerade Umwege gehen sie schon noch, bis es so weit ist.