Kultur Ein Kommissar sucht das Glück

08.07.2009, 22:00 Uhr

Mitte der Achtziger hat Claude Chabrol für Film und Fernsehen die Fälle des Inspecteur Lavardin verfilmt. Das war ein mürrischer Charakter, der die Untaten der Verbrecher als Freibrief für eigene Grausamkeit nahm. Er prügelte und intrigierte – worauf die Welt auf wundersame Weise ein bisschen besser wurde. In seinem fünfzigsten Jahr als Regisseur macht Chabrol nun Depardieu zum Ermittler. Dessen Bellamy ist das genaue Gegenteil. Er lebt in freundlicher Anspruchslosigkeit dahin und boxt den Hauptverdächtigen raus. Ob das richtig war, wird er nie erfahren. Sicher ist nur: Seine eigene Welt hat sich zum Schlimmen verändert.

Am Anfang löst Bellamy Kreuzworträtsel – mit dem schönen Wörtchen Glück. Darum dreht sich in diesem Krimi alles. Chabrol widmet ihn Georges Simenon. Und er definiert das Genre wie dieser: als Geschichte von Menschen, die unglücklich sind und deshalb Böses tun. Tatsächlich könnte man nicht unzufriedener mit sich sein als der Verbrecher des Films: Emile Leullet (Jacques Gamblin) will so sehr ein andrer sein, dass er seine Identität vernichtet: Er inszeniert seinen angeblichen Unfalltod, lässt sein Gesicht umoperieren, ändert seinen Namen und will mit einer jungen Frau auswandern. Dass er für die Intrige einen Fremden an seiner Stelle sterben lassen muss, wird ihm zum Verhängnis.

Zu diesem Ungenügen an sich selbst ist Bellamy das exakte Gegenbild: Er fühlt sich so wohl in seiner Haut, dass er den ganzen Urlaub lang nichts anderes machen möchte als den massigen Schädel an die Brust seiner Frau Françoise (Marie Bunel) zu lehnen. „Ich weiß, ich bin ein großer Glückspilz“, sagt Bellamy und versteht darunter die friedliche Behaglichkeit seines Alltags. Dabei hat er ein sensibles Gespür dafür, dass auch die bescheidene Erfülltheit instabil ist. Als Sinnenmensch erlebt er das zuallererst an der eigenen Eifersucht: Nachdem sein Bruder zu Besuch gekommen ist, wähnt er ihn immerzu im Bett von Françoise. (Ein Verdacht, den Chabrol nie widerlegt.)

Vor allem spielt der Film die Gefährdung des stillen Glücks aber an einem anderen Motiv durch: Bellamys Identifikation mit dem Bösen. Mal erwacht er aus einem Albtraum, in dem er das Schuldbekenntnis des Verbrechers als sein eigenes ausspricht. Dann erklärt er sein Menschenbild, nach dem ein jeder halb gut und halb böse ist. Ein Fehltritt reicht für den Sturz in den Abgrund, was Chabrol in dicker Metaphorik ins Bild setzt. Auch die Geschwisterkonstellation ist nach dieser Kernfrage konstruiert: Bellamys Bruder ist ein versoffener Kleinkrimineller, der dem Kommissar die Schuld am eigenen Versagen gibt. Weil Bellamy alles Glück abbekommen habe, sei für ihn nichts übrig geblieben. Tatsächlich stellt sich am Ende heraus, dass Bellamy sich am Bruder versündigt hat. Und so muss der Kommissar, der ein Leben lang vom warmen Stübchen aus den Lebenskampf der anderen betrachtet hat, am Ende seine eigene Schuld annehmen.

Den düsteren Schlussakkord nutzt Chabrol für eine Variation im Spiel mit dem Vorbild Simenon. Wie dessen Maigret ist auch Bellamy kinderlos. Doch während der Kommissar in Simenons Krimis wiederholt darüber klagt, hat Bellamy mit Absicht keine Kinder. „Damit sie diese verkommene Welt nicht kennenlernen.“