Kultur Die Wirkung von Visionen

01.07.2009, 22:00 Uhr

„Die Moderne im Modell“ heißt die Ausstellung, die Architekturvisionen im Forum „martini|50“ von 1920 bis 1930 und ihre Wirkung bis heute beleuchten.

Drei verglaste Schäfte ragen in den Himmel, auf denen ein riesiger Bürokomplex für staatliche Behörden lagert. Sieben solcher „sozialer Hochhäuser“, die der russische Künstler und Architekt El Lissitzky plante, sollten 1925 rund um den Kreml in Moskau errichtet werden. Die weithin wahrnehmbaren „Wolkenbügel“, die als eine Art von Stadttoren in den Vorstädten fungierten, sollten eine Antithese zu amerikanischen Hochhäusern statuieren. Zwar wurden die antiimperialistischen Traumbauten El Lissitzkys nicht realisiert, dafür kann man sich aber zurzeit im Forum für Architektur und Design martini|50 ein Exemplar der Bauwerke im Modell anschauen, das die Ausmaße und Details der kühnen Vision sehr gut nachvollziehbar macht.

„Die Moderne im Modell“ heißt die Ausstellung, die Architekturvisionen von 1920 bis 1930 und ihre Wirkung bis heute beleuchten. Gezeigt werden Modelle von zehn Bauwerken der klassischen Moderne, die – bis auf die fliegenden Büroräume El Lissitzkys – alle in die Realität umgesetzt wurden. Die Miniaturbauten sind im Rahmen der Architekturausbildung an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven entstanden. Voller Akribie setzten die Studierenden in den vergangenen Semestern die Objekte um und ermöglichten mit ihren Arbeiten eine Auseinandersetzung mit fantastischen Entwürfen der Baukunst auf besondere Art. Denn natürlich bedarf es im Modellbau, obwohl strikt maßstabgetreu vorgegangen wurde, eines gewissen Maßes an Abstraktionsfähigkeit. Zwar kann man am Modell Proportionen und Perspektiven ausgezeichnet erfassen, dennoch ersetzt der Nachbau nicht die Auseinandersetzung mit dem Original.

Unter diesem Aspekt ist der Besuch der Ausstellung lohnenswert. Denn sie sind sehr faszinierend, die Modelle von Gebäuden, die Koryphäen wie Mies van der Rohe, Walter Gropius oder Le Corbusier planten und realisierten. Eine Sonderstellung nimmt das „Haus Müller“ ein, das 1930 von Adolf Loos in Prag gebaut wurde. Es ist, heute als Denkmal öffentlich zugänglich, ein verputzter Bau, derweil das miniaturisierte Abbild transparente Außenmauern aufweist, um den Betrachter den Blick in das Innenleben zu ermöglichen. Zu einem anderen Trick mit demselben Effekt griffen Studierende, die die Villa Savoye nachbildeten, die Le Corbusier 1930 in Poissy bei Paris baute: Das Dach und das erste Geschoss des Modells können entfernt werden, um so den Blick auf die spektakuläre Innenstruktur des Bauwerks freizulegen, das in seiner Konzeption als „Wochenendhaus für ein wohlhabendes Paar“ geplant war, das dort „Empfänge gibt oder sich ein paar freie Tage auf dem Land gönnt“.