Kultur Die Kamera als Waffe

23.06.2005, 22:00 Uhr

Größer und zugleich empfindlicher könnte der Kontrast nicht sein: Zwei Kinder schauen während der Messe in einer Kirche von Palermo einer gerade freigelassenen weißen Taube direkt in die Augen. Ein seltener Augenblick der Konzentration, ein Symbol der Freiheit und ein Anschein von Sicherheit.

Doch gleich daneben sieht man die blutige Leiche eines von der Cosa Nostra niedergestreckten Mannes. Nur 15 Minuten nach dem Tod traf die Fotografin Letizia Battaglia am Tatort ein und hielt den Moment dokumentarisch für die Nachwelt fest.

Mit diesen nicht gerade leicht verdaulichen Eindrücken wird der Besucher in der Hauptstelle der Sparkasse Osnabrück in die ergreifende Fotoausstellung "Sizilien: Frauen gegen die Mafia" gelotst. Die Schau gehört zum Rahmenprogramm des Remarque-Friedenspreises, der heute an den Anti-Mafia-Kämpfer Leoluca Orlando verliehen wird. Als der Bürgermeister von Palermo 1985 den Kampf gegen die Cosa Nostra aufnahm, holte er die damals schon bekannte Fotografin, die 19 Jahre für die Zeitschrift "L'Ora" gearbeitet hatte, als Stadträtin in sein Regierungsteam. Eine Aufgabe, die Letizia Battaglia enorm geprägt hat.

So fällt es ihr schwer, die eigenen Fotos nüchtern zu betrachten. "Zu viel Leid und persönliche Erinnerungen stecken dahinter", sagt die Sizilianerin, während ihr Tränen in den Augen stehen. Dass die Bilder in einer Bank gezeigt werden, hat die 70-Jährige positiv überrascht. "Impossibile - unmöglich wäre das in Italien", so Battaglia. Dort seien schließlich Bänker und Großkunden zu sehr mit der Mafia im Geschäft.

Letizia Battaglia nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Fotos sind ebenso schonungslos. Die Kamera ist ihre Waffe gegen die Verbrechen. Auch wenn ihr selbst dabei übel wurde, hat sie immer wieder draufgehalten, hat Trauer, Schmerz, Tod, die Arroganz der Macht, die Tristesse der Armut, aber auch das Lachen und die Unschuldigkeit der Kinder eingefangen. Ihre teils preisgekrönten Fotos gingen um die ganze Welt, wurden von großen Zeitungen und Magazinen abgedruckt. "Ich hätte in New York oder Berlin Karriere machen können", sagt Battaglia. "Doch ich bin geblieben, um mitzuhelfen, mein Palermo zu verändern."

Wenn sie heute durch die Straßen der Altstadt gehe, höre sie immer öfter das Wort "Quando": "Wann" kommt Orlando wieder zurück als Bürgermeister? Denn die Mafia ist mächtiger denn je, auch wenn spektakuläre Morde fehlen. Die Cosa Nostra habe die Regierung unterwandert. "Die Angst muss ich wegschließen, um weiterzumachen", betont Battaglia, die immer wieder mit Morddrohungen konfrontiert wird. Erst im Januar wurde zum wiederholten Mal ihre Wohnung ausgeräumt. Ihre liebsten Kameras wurden dabei gestohlen.

Letizia Battaglia, Mutter von drei Töchtern und Großmutter von fünf Enkelkindern, gibt dennoch nicht auf. "Wir haben die Pflicht, standhaft zu sein."

Sparkasse Osnabrück, Wittekindstraße 17-19: "Sizilien: Frauen gegen die Mafia; Fotografien von Letizia Battaglia. Eröffnung: Samstag, 25.6., 11 Uhr.