Kultur Der Schöpfer des Sherlock Holmes

06.07.2005, 22:00 Uhr

Nach sieben Jahren sollte endlich Schluss ein. Doch wie bringt man einen raffinierten Meisterdetektiv um die Ecke? Vor dem Reichenbach-Fall bei Meiringen in der Schweiz kommt Arthur Conan Doyle 1893 die Idee: Er lässt die Spürnase gemeinsam mit deren Erzfeind Professor Moriarty in die Tiefe stürzen. Bald darauf erreicht die Krimi-Leser die traurige Kunde, und Doyle notiert lakonisch in seinem Tagebuch: "Killed Holmes".

Dass die Figur des Sherlock Holmes jedoch alsbald wieder auftauchen sollte, konnte ihr Erfinder damals nicht ahnen. Denn Arthur Conan Doyle, der heute vor 75 Jahren in der englischen Grafschaft Sussex starb, hielt seine Detektivgeschichten für eine Nebensache, die ihn von dem abhielt, was er für wichtiger hielt - dem Schreiben historischer Romane. Heute sind seine Geschichtsschmöker ebenso vergessen wie seine kuriosen Elaborate über spiritistische Fragen, zu denen sich Doyle immer wieder hingezogen fühlte. Sherlock Holmes und sein Faktotum Doktor Watson dagegen führen längst ein Eigenleben, das die Biografie Doyles in den Schatten stellt.

Dabei hatte der Autor, der am 22. Mai 1859 in Edinburgh zur Welt kam, zunächst nach mehreren Reisen als Schiffsarzt eine eigene Praxis eröffnet und sich in der Freizeit als Schriftsteller versucht. 1886 hat Holmes seinen ersten Auftritt. "Eine Studie in Scharlachrot" heißt der Roman, der zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt wird. Drei Jahre später folgt "Das Zeichen der Vier", bevor Doyle 1891 den Arztberuf aufgibt und die ersten Holmes-Geschichten im "Strand Magazine" veröffentlicht - und dieser Zeitschrift dann ein Autorenleben lang treu bleibt.

Aber schon während seines Studiums war Doyle dem Mann begegnet, der als Vorbild für die Detektivfigur gilt. Dr. Joseph Bell stellte seine ärztlichen Diagnosen nur aufgrund eingehender Beobachtung mit verblüffender Präzision. Bei Sherlock Holmes kehrt dieses Verfahren als "Deduktion" wieder: Der Detektiv enträtselt scheinbar verworrene Fälle, indem er akribisch alle Fakten sammelt und in den einzig plausiblen Zusammenhang ordnet. Mag das Resultat auch zunächst überraschen - bei Holmes zählt nur die kühle Logik. Ansonsten ist diese literarische Figur ein Wunder: Ebenso verträumt wie tatkräftig, sportlich begabt und in Naturwissenschaften bewandert, verfällt Holmes immer dann in Melancholie, wenn die kriminalistischen Herausforderungen ausbleiben.

Ganz Kind seiner Zeit, trägt dieser Detektiv alle Züge des Dandys, der beileibe nicht frei von Eitelkeit ist und sich von seinem Helfer Dr. Watson bewundern lässt. Mit dieser Figur gelang Doyle ohnehin ein meisterhafter Schachzug. Denn erst durch die Erzählungen Watsons hat der Leser das Gefühl, dem Geschehen hautnah zu folgen. Und die Leser sind diesem Gespann treu geblieben. Kurz nach dem offiziellen Ableben, mit dem sich Doyle einer Figur entledigen wollte, die längst ein für ihn belastendes Eigenleben entwickelt hatte, hagelte es Proteste. In der Londoner City wurden gar schwarze Trauerbänder gesichtet.

Doyle lenkte ein - und schenkte der Literaturgeschichte den Krimiklassiker schlechthin. 1901 erscheint erstmals "Der Hund von Baskerville", weitere Bände mit Holmes-Abenteuern folgen. Ihrem Autor bescheren sie Rekordhonorare. Mochte Doyle auch über Spiritismus schreiben und für Opfer von Justizirrtümern kämpfen - dem Schatten von Holmes entkam er nie mehr. Bis heute ist er nur eines geblieben: der Schöpfer des genialsten aller Detektive - Sherlock Holmes.