Kultur Concierge trifft lebensmüde Göre

07.05.2010, 19:00 Uhr

Manche meinen, Bücher und Katzen seien ausreichend für ein erfülltes Leben, doch sie täuschen sich. Der Mensch braucht den Menschen. Wie sehr, demonstriert das gefühlvolle Kammerspiel „Die Eleganz der Madame Michel“ überwiegend stimmig, wenngleich zum Teil auch etwas unausgewogen.

In einem eleganten Pariser Wohnhaus gönnen sich die sehr reichen Bewohner trotz neuzeitlicher Schließanlage noch immer eine Concierge. Diese holt die Mülltonnen rein, wischt den Flur, putzt die Fenstertüren und weiß ansonsten einfach alles über alle. Es versteht sich von selbst, dass die Mieter die Concierge – eine Paraderolle für Josiane Balasko – überwiegend ignorieren. In diesem speziellen Fall ist es der Haushüterin nur recht, denn sie hat ein Geheimnis.

Statt „Erdbeer und Schokolade“ wie in dem gleichnamigen kubanischen Schwulendrama will Madame Michel nur das: Schokolade, Tolstoi und ihren Kater Leo. Wobei Madame ihre Leidenschaft für geistige und körperliche Nahrung vor allen verbirgt. Nur die neunmalkluge Paloma kommt hinter das Geheimnis des verborgenen Zimmers. Hier hat Renée Michel sich ein übervoll mit Büchern bestücktes Refugium eingerichtet. Ganz wie von Virginia Woolf in ihrem Essay „Ein eigenes Zimmer“ gefordert, hat nur sie Zutritt.

Bildung und Kultur geschickt durch ihr mürrisches und ungepflegtes Äußeres tarnend, geht sie ihren Aufträgen nach, bis eines Tages der neue Mieter Herr Ozu (bleibt zu blass: Togo Igawa) in ihr Leben tritt und sofort die Seelenverwandte in ihr erkennt. Derweil fiebert Paloma ihrem zwölften Geburtstag entgegen, den sie mit ihrem Selbstmord krönen will. Zu wenig erstrebenswert scheint ihr ein im goldenen Käfig – oder im Goldfischglas – vorbestimmtes Dasein.

Drei spannende Schicksale, in engen Räumen ineinander verwoben, geben der Geschichte von der Bilderbuch-Concierge – klein, dick, diskret – einen unnachahmlichen bitter-herben Charme. Die Verfilmung des Romans „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery hätte ein Genuß wie dunkle Schokolade werden können, wenn nur das untergewichtige Kind etwas weniger altklug wäre. Man glaubt ihm auch ohne sein plakatives Geschwätz, dass es sich allein und verloren fühlt. Denn wann hätte Klugheit jemals vor Einsamkeit geschützt?