Kultur Bachs Reise in die Karibik

03.12.2002, 23:00 Uhr

Leise schwebt er herein in die Schlossaula. Vier Töne, denen mit der kleinen Schul-Harmonieweisheit nicht beizukommen ist, zupft Johannes W. Schenk in die Saiten des Flügels, vier Töne, denen auf engstem Raum immense tonale Sprengkraft innewohnt: B-A-C-H. Dann lässt sich der Pianist treiben, zusammen mit seinen Musikern. Bassist Volker Heinze zupft nachdrückliche Achtel auf der leeren D-Saite und erdet damit Schlagzeuger Roland Höppner, Schenk selbst – und Charlie Mariano. Auch im 79. Lebensjahr hat der Altmeister am Saxophon nichts von seinem Entdeckergeist verloren und beteiligt sich altersweise, aber voller jugendlichem Elan an dem Projekt "As time goes B.A.C.H" von Johannes W. Schenk.

Plötzlich hat das Treiben ein Ende, das Quartett ein Ziel erreicht – vorerst: bei Johann Sebastian Bachs Präludium d-Moll aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers sind sie angekommen. Weich, mit Hilfe des Pedals aneinander gebunden, fließen die Triolen. Bach pur. Aus dem Fundus von über tausend Werken hat Johannes W. Schenk eine Handvoll herausgegriffen und auf ihre Jazz-Tauglichkeit abgeklopft. Überraschungen, was die auch auf CD erschienene Auswahl angeht, gibt es kaum: Präludien, Choralvorspiele, Sätze aus Kantaten und Orchestersuiten. Überraschend ist aber das, was die Band damit anstellt.

Anders als der Franzose Jaques Loussier muss Schenk nicht anfangen, Bach zu "verswingen": Die Musik swingt auch ohne aufgesetzte Punktierungen. Vielmehr unternimmt Schenk mit Bach eine Reise durch die weite Welt des Jazz. Und mit dabei: Charlie Mariano, die Saxophon-Autorität.

Bei manchen Stücken sitzt Mariano still auf einem Hocker, das Saxophon in der Hand, und lauscht mit geschlossenen Augen. Bei der berühmten "Air" aus dem dritten Brandenburgischen Konzert schlendert er Seite an Seite mit dem Barockstar und eröffnet neue Welten: eine regenverhangene Jazz-Ballade ist aus dem Klassik-Hit geworden, mit gestauchten Melodien, bluesig angeschliffenen, auch mal leicht verschleppten Tönen. Bach und Mariano, zwei weise Herren, sinnieren für unendliche Augenblicke im schummrigen Club.

Doch heute geht Bach, der zu Lebzeiten einen recht eingeschränkten Aktionsradius hatte, in die weite Welt. Dazu löst Schenk kleine Partikel aus den Originalwerken heraus und nimmt sie als Improvisationsgrundlage. Selten nur verlässt er das altbewährte Schema Thema – Solochorusse – Thema. Wozu auch? Schenk ist ein hochversierter Pianist, Heinze spielt einen sanglichen Bass, Höppner wirbelt mit Besen und Stücken losgelöst von starren Patterns. Und Charlie Mariano spielt auf wie ein junger Gott.

Sie zeigen dem alten Bach Latin und Swing, nehmen ihn mit in die Karibik – wer hätte im unerbittlich motorischen c-Moll-Präludium soviel Salsa-Hüftschwung vermutet? Oder in der verspielten B-Dur-Invention soviel Funk und Großstadtluft? Johann Sebastian atmet sie in vollen Zügen. Und fühlt sich gut dabei.