Konzert in der Osnabrückhalle Musica pro pace 2016: Als wäre es große Musik

Von Ralf Döring | 08.11.2016, 16:22 Uhr

Musica pro pace hat den Komponisten Mikis Theodorakis vorgestellt – nicht als Sirtaki-Erfinder für Anthony Quinn, sondern als Sinfoniker mit Botschaft. Außerdem spielt Gerhard Oppitz den Solopart im ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms.

Nach oben, nach vorn, schnell, schnell: Die erste Sinfonie von Mikis Theodorakis stürmt wild los; man kann sich dabei gut eine entfesselte Meute Soldaten vorzustellen, die unter Sperrfeuer und unter markerschütterndem Gebrüll Richtung Feind rennt. Ein effektvoller Beginn für ein Stück Musik, das eben mehr sein will als nur Musik: Der griechische Komponist hat damit ein Plädoyer gegen Krieg und Gewalt formuliert. Weiterlesen: Stefan Hanheide erläutert das Musica-pro-pace-Konzert 2016 

Übervater Schostakowitsch

Das prädestiniert das Anfang der 1950er-Jahre entstandene Werk für das diesjährige Konzert der Reihe „Musica pro pace“, die musikalische Entsprechung der Osnabrücker Friedensgespräche. Denn in diese Kontext fügt sich das Werk: als musikalisches Mahnmal. Als reine Musik funktioniert es hingegen nicht. Dafür löst sich Theodorakis zu wenig vom Übervater Dmitri Schostakowitsch, entwickelt die Themen zu wenig – Themen, die außerdem zu plakativ nach Terror und Schmerz klingen. Andererseits beschenkt er die Holzbläser mit zauberhaften Melodien, drängen die Streicher mit sämigen Klang, stampft schließlich im dritten Satz ein in der Tradition von Gustav Mahler und eben Schostakowitsch grotesk verdrehter Marsch. Und das Osnabrücker Symphonieorchester tut unter seinem Chefdirigenten Andreas Hotz in der Osnabrückhalle so, als wäre die Sinfonie wirklich große Musik und spielt mit dem Engagement, das sie Mahler, Strauss und Bruckner auch zuteilwerden lassen. Weiterlesen: Das Osnabrücker Symphonieorchester spielt Bartóks Konzert für Orchester 

Nun folgt die Sinfonie des Sirtaki-Erfinders Theodorakis einem echten Monument der sinfonischen Literatur, dem ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms. Eine trutzige Burg hat der Hamburger da entworfen, düster wie eine Gewitterfront und bedrohlich wie ein Bergmassiv. Aber auch mit Abschnitten, die melancholisch lächeln, auch weil Pianist Gerhard Oppitz sie so schön herausarbeitet. Der Brahms-Experte lässt Trillerpassagen drohend rollen, artikuliert fein und mit nobler Zurückhaltung - vielleicht sogar einer Spur zuviel Zurückhaltung, um sich in ihrer Wirkung auf das Publikum im Saal zu übertragen. Überhaupt offenbart der Europasaal der Osnabrückhalle mit Brahms wieder einmal seine Tücken: Die Einleitung entwickelt kein Drohpotenzial, weil der Orchesterklang wie gedeckelt klingt - ein akustischesr Mangel, den das Ohr mit der Zeit korrigiert, das aber einer Einleitung wie dieser die Wirkung nimmt.

Brahms im Ungefähren

Daran haben Orchester und Dirigent allerdings auch ihren Anteil. Als wäre da ein gehöriges Maß Ehrfurcht im Spiel, tastet sich Hotz an das sinfonische Monument heran – denn das ist dieses Klavierkonzert – und geht den Kopf- und den Finalsatz langsam, ja: behäbig an. Das sorgt im lyrischen zweiten Satz für Gänsehaut, aber insgesamt raubt es dem Werk die Brisanz. Während Brahms auf großer Flamme die Leidenschaft wüten lässt, dreht Hotz die Hitze herunter, und so kann man die Größe des Werks zwar erahnen, aber erfahrbar wird sie nicht. Dafür fehlt die Bereitschaft, Grenzen auszuloten – wodurch sich Brahms im Ungefähren verliert. Weiterlesen: Gerhard Oppitz im Interview 

Aber selbst in der profiliertesten Deutung stellt sich die Frage, was Brahms bei Musica pro pace soll: Gerade Brahms war ja ein Verfechter der sogenannten „absoluten“ Musik, die jede außermusikalische Deutung verweigert. Warum also setzen Hotz und Stefan Hanheide, der Leiter von Musica pro pace, das Werk aufs Programm? Schon die „Alpensinfonie“ aus dem Vorjahr lässt sich nur durch muntere Gedankensprünge in den Friedenskontext einfügen –mit Brahms‘ Klavierkonzert gleitet Musica pro pace ins Stadium der Beliebigkeit ab. Als wäre bereits alle Musik gespielt worden, die sich mit Krieg und Frieden beschäftigt. Weiterlesen: Die Alpensinfonie bei Musica pro pace