Kontroverse um Bremer Weserburg Sammlung Reinking: Klare Kante mit heftiger Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann | 04.07.2014, 14:49 Uhr

Wie geht es weiter mit der Bremer Weserburg? Etatprobleme haben das Museum in die Schieflage gebracht. Kulturpolitiker wollen die Allianz mit der Kunsthalle. Mit Kunst zu letzten Fragen des Lebens setzen die Kuratoren ein Zeichen.

Franticek Klossner hängt sein Selbstbildnis als Eisklotz an die Kette. Bei Raumtemperatur schmilzt das Konterfei dahin, Tropfen für Tropfen. Jimmy Durham zeigt ein Totem mit blankem Pferdeschädel. Miroslaw Balka hat den rostigen Stahlsarkophag in den Ausstellungsraum gewuchtet – gefertigt nach den eigenen Körpermaßen. Hier ist jedes Objekt eine Mahnung, jedes Bild ein Schrei, die ganze Ausstellung eine einzige Dringlichkeit. Und Museumsdirektor Peter Friese kommentiert die Präsentation der Sammlung Rik Reinking am 17. Juli in einem Vortrag mit dem markerschütternden Titel „Die Wildnis schlägt zurück“.

Kunst-Liner auf Kurs

Lauter geht es kaum – und das in einem Haus, das sich über Jahre mit oft unterkühlten Präsentationen vorzugsweise minimaler Kunstpositionen seinen Ruf erarbeitet hatte, der mehr in der Fachwelt als beim breiten Publikum für Nachhall sorgte. 1992 war die Weserburg als erstes Sammlermuseum und damit als viel beachtetes Experiment gestartet. Schwache Besucherzahlen und ein sattes Defizit im Etat hatten dafür gesorgt, dass das auf der Weserinsel am Teerhof gelegene Haus zuletzt wie ein gestrandetes Schiff wirkte.

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Inzwischen favorisiert die Kulturpolitik die Allianz mit der gut aufgestellten und bei den Besuchern beliebten Kunsthalle. Die Stadt diskutiert einen Neubau der Weserburg in den Wallanlagen. Vis-`a-vis der Kunsthalle sollen Depot. Werkstätten und Verwaltung für beide Häuser gemeinsam betrieben werden. Kulturpolitiker wollen so Kosten sparen. Diesen Überlegungen scheint auch, wie die „taz“ meldet, Klaus Sondergeld, Vorsitzender des Stiftungsrates der Weserburg, nicht abgeneigt zu sein. Und jetzt soll auch noch, so spekuliert die „taz“ weiter, just jener Manager Vorsitzer des Kunstvereins werden, dessen Unternehmen an der Immobilie der Weserburg interessiert ist . Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg hatte sich bereits als Leiter für beide Museen positioniert. Seit Grunenbergs Rundfunkinterview ist der Weserburg-Streit eskaliert.

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Weserburg-Direktor Peter Friese beharrt auf der Eigenständigkeit. Kurator Ingo Clauß sekundiert: „Das Haus ist zukunftsfähig.“ Friese und Clauß bringen den Kunst-Liner im Fluss programmatisch wieder auf Kurs. Friese verhandelt gerade mit einem deutschen Kunstsammler in Südfrankreich über Bilder für eine Ausstellung mit Landschaftsbildern aus 400 Jahren, die 2015 gezeigt werden sollen. Gleichzeitig hat er eine Ausstellungsreihe mit jungen Sammlern gestartet. Titel der ersten Schau mit der Kollektion von Dominic und Cordula Sohst-Brennenstuhl: „Nullpunkt aller Orte.“ Die Landschaften sollen 2015 unter der Überschrift „Land in Sicht“ präsentiert werden. Während es für die Weserburg um alles geht, klingt jeder Ausstellungstitel nach Schreckensvision oder Kampfparole.

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Dazu passt die Hochtemperaturkunst von Rik Reinking mit ihren oft plakativen Effekten. Bestes Beispiel ist das nach Entwürfen von Wim Delvoye auf den Rücken von Tim Steiner tätowierte Bild mit Madonna und Totenkopf. Als lebendes Exponat sorgte Steiner vor Jahren schon bei der Präsentation der Sammlung Reinking in der Kunsthalle Osnabrück für kontroverse Diskussionen um Kunst und Moral. Jetzt explodiert das Medieninteresse. Die Bild-Zeitung hat über Steiner berichtet, Zeitungen und TV-Sender zogen nach. Die Weserburg, sonst eher mit spröder Arte Povera von Mario Merz oder minimalen Setzungen von Sol LeWitt im Gespräch, ist zum Medienhype avanciert. Die Weserburg-Macher haben das unerwartete Medienecho anfangs mit leiser Verwunderung registriert, inzwischen als willkommenen Energieschub akzeptiert.

Medienecho als Schub

Die Ausstellung mit Werken von 50 Künstlern aus der Sammlung Reinking markiert den Paradigmenwechsel, den sich die Weserburg gerade verordnet. Feinheiten der Kunst zählen weniger als existenzieller Belang. Reinkings Kollektion favorisiert das direkte, bisweilen brachiale Statement. In der Weserburg sind grell gezackte Graffiti-Bilder wie jene von Boxi oder Mirko Reisser alias DIAM mit Ahnenschädeln aus Neuguinea oder Initiationspfählen aus dem Kongo kombiniert. Sogar bei prominenten Künstlern wie dem Video-Spezialisten Tony Oursler hat Reinking zielsicher das heftige Format ausgewählt: In dunkler Kammer flackert die sprechende Glühbirne.

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Derart viel Krach und Krawall mag so ermüden wie die Ansammlung von Selbstbildnissen aus gepresster Asche, die Terence Koh in einem Glasschrank wie in einem riesigen Reliquiar arrangiert hat. Die Ausstellung versammelt Kunst mit heißem Appellcharakter. Das passt nur bedingt zur Weserburg. Aber egal. Jetzt zählt die Attacke. Deshalb steht auch auf einem Gemälde von Henrik Eiben: „What if I say that I’ll never surrender?“

Bremen, Weserburg Museum für moderne Kunst: Existenzielle Bildwelten. Sammlung Reinking. Bis 1. Februar 2015. Di., Mi., Fr.–So., 11–18 Uhr, Do., 11–20 Uhr. www.weserburg.de