Kolumne „Silberblick“ Einfach mal ganz weit weg – reicht das zum Urlaub vom Ich?

Eine Kolumne von Dr. Stefan Lüddemann | 10.05.2015, 09:00 Uhr

In unserer wöchentlichen Kolumne „Silberblick“ berichtet die Kulturredaktion über mehr oder weniger skurrile Beobachtungen aus Alltag und dem Kulturleben. In dieser Woche: Der Inseltrip verspricht die Auszeit vom Alltag? Aber welcher Kurzurlauber gönnt sich das Aus vom eigenen Ich?

Wer möchte nicht einfach mal ganz weit weg? Einmal alles hinter sich lassen? Das Problem: Niemand kann sich selbst entkommen. Ganz gleich, wohin wir auch reisen – das eigene, vertraute, eingefahrene Ich bleibt erst einmal, was es ist. Wer das nicht reflektiert, mag reisen, wohin er will. Er ändert doch nichts an seinem Leben. Eine philosophisch vertrackte Überlegung? Nicht wirklich. Zuweilen genügen beiläufige Beobachtungen aus dem Alltag des Reisens, um immer wieder um dieses kleine, aber entscheidende Dilemma zu kreisen.

Inseln bieten dafür das beste Terrain. Ihre entlegene, solitäre Lage nährt den Traum vom Ausstieg auf Zeit. Das Wasser legt nicht nur Distanz zwischen Eiland und Festland, es scheint auch Alltag und Auszeit perfekt zu separieren. Aber kein Ozean trennt den Reisenden von seinen Lebensgewohnheiten. Niemand zeigt das so dramatisch und traurig zugleich wie jene Touristengruppen, die der schnelle Wochenendtrip auf eine Nordseeinsel führt. Naturerlebnis? Die Seele baumeln lassen? Keine Spur. Fernab vom Alltag geht die Party erst richtig los.

Da übertönt der Kneipenlärm das Meeresrauschen. Und der Promillerausch vernebelt den Sinn für die Schönheiten der Natur. Fern der Heimat wird munter kopiert, was es auch dort gibt – Kneipenszene und Feierabendbräuche. Der Ausstieg bleibt Illusion, der Urlaub vom Ich ein frommer Wunsch. Wozu dann überhaupt reisen? Eine gute Frage. Wer sich bewusst auf den Weg macht, hat bereits die Illusion verabschiedet, sich selbst davonreisen zu können. Wer woanders Geist und Sinne öffnet, sieht die Fremde – und spürt dabei erst recht sich selbst. Vielleicht sind manche Partytouristen so laut, weil sie eben das nicht aushalten.

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