„Kleine Gesten der Gegenwart“ Daumen hoch: Immer ein ehrliches Kompliment?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 28.06.2016, 08:00 Uhr

„Kleine Gesten der Gegenwart“: In unserer Serie porträtieren wir Körpergesten der Popkultur. Heute: Daumen hoch.

Der Pass geht genau durch die Lücke in der Abwehr. Leider kommt der Stürmer einen Schritt zu spät. Aber er reckt spontan den Daumen in den Stadionhimmel. Klasse Flanke, Spiel geht weiter - so lautet die für manchen Fußballer schon arg textlastige Lesart jener Geste, die von Politiker bis Showmaster oder Torjäger alle beherrschen. Daumen hoch: Mehr körpersprachliche Zustimmung gibt es nicht. Hier weiterlesen: Kleine Geste der Gegenwart - das High five.

Reaktion auf Erwartungshaltung

Dabei reagiert der Fußballer, wenn er den Daumen hebt, bereits auf eine Erwartungshaltung, die im sozialen Miteinander seines Teams verankert ist. Seine spontan wirkende Geste ist in Wirklichkeit obligatorisch. Denn sie signalisiert die Wertschätzung für Kooperation, ja für Mannschaftsgeist überhaupt. Wer den Daumen unten lässt, outet sich als Egoist. Oder heißt vielleicht Christiano Ronaldo. Hier weiterlesen: High five mit dem Riesenhai? Vor Guadeloupe gelang eine eindrucksvolle Aufnahme.

Tod den Gladiatoren

Es mag hier unentschieden bleiben, ob der erhobene Daumen in den Arenen des antiken Roms besiegten Gladiatoren den Tod ersparte oder ihn gerade eben herbeiführte. Die Herkunft der Geste des erhobenen Daumens verliert sich im kulturhistorischen Dunkel. Das macht aber nichts. Keine andere Körpergeste ist ja so tief wie diese in der Beipflichtungskultur der sozialen Netzwerke verankert. Der gereckte Daumen ziert auf Facebook den Button für „Gefällt mir“. Das Pendant, der gesenkte Daumen, ist erst gar nicht vorgesehen. Hier weiterlesen: Das Obama-Plakat - der letzte Sieg der Popkultur .

Einfach mal dafür sein

Wer senkt im realen Leben den Daumen? So gut wie niemand natürlich. Wer mit dem Daumen nach oben zeigt, reiht sich ein in die Phalanx der Positiven. Bitte nicht länger reden, einfach mal dafür sein: Diesem Skript folgt die Geste. Wir stellen uns den erhobenen Daumen gern zusammen mit einem Lukas-Podolski-Grinsen vor. Oder zwei erhobene Daumen von Menschen, die besonders gut ankommen wollen - NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) etwa oder Gute-Laune-Tenor Rolando Villazón. Hier weiterlesen: Wie komme ich in Frankreich an den freien Tisch im Restaurant?

Signal der Verlegenheit

Die Geste signalisiert ungebrochenes Einvernehmen - oder ein mulmiges Gefühl. Verdi-Vorsitzender Frank Bsirske reckt den Daumen wie ein Fanal nach vorn. Der beim Eurovision Song Contest gescheiterten Jamie-Lee Kriewitz verhuscht die Geste zum Signal der Verlegenheit. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aber hält, während sie spricht, den Daumen bisweilen permanent oben. Die Botschaft ins Publikum: Bitte beipflichten! Hier weiterlesen: Wallace & Gromit im Museum .

Immer auch ein Kompliment?

Der Daumen soll klare Haltung anzeigen. Aber tut er das wirklich? Was ist davon zu halten, wenn Personen wie Fußballförderer Sepp Blatter oder Talentsucher Dieter Bohlen den Daumen heben? Die Antwort gebe sich jeder selbst. Frauen reagieren jedenfalls skeptisch, wenn ihnen Männer den erhobenen Daumen präsentieren. Gut gemacht, kann das heißen, oder auch: Das war komplett daneben. Denn auch die simple Daumen-Geste ist ironiefähig.