Kathedrale aus Klang Documenta 13 – sehenswert (6): Janet Cardiff und George Bures Miller bescheren der Documenta einen Publikumsfavoriten

Von Dr. Stefan Lüddemann | 30.07.2012, 15:49 Uhr

Was ist denn nur da zwischen den Bäumen los? Aus dem dichten Grün wehen ineinander verschlungene Gesangsstimmen herüber. Etwas später dröhnen Bombeneinschläge unter den Baumkronen hervor. Paradies oder Inferno? Nein, eine Installation von Janet Cardiff und George Bures Miller, die Klang als unsichtbare, aber dennoch mal zarte, dann wieder wuchtige Skulptur inszeniert und so in überraschender Intensität erfahrbar macht.

Documenta-Besucher werden am Ende der Großen Achse, die von der Karlswiese in das Parkgelände führt, fast automatisch auf dieses Kunstprojekt aufmerksam. Gleich rechts neben dem Großen Bassin lockt den Documenta-Wanderer magischer Klang ins Unterholz und zu einer Lichtung, die sich wie eine Kathedrale unvermutet öffnet. Zu sehen ist zunächst nichts. Nur das Hinweisschild im dunklen Documenta-Gelb und einige Hocker zeigen an, dass sich hier, scheinbar im mildgrünen Nirgendwo, ein Beitrag der Documenta 13 verbirgt. „for a thousand years“ heißt diese Arbeit, die ein Erlebnis der besonderen Schwerelosigkeit bereitet.

Denn unvermutet wabern Klänge durch den Wald, die von nirgendwoher und überall her zu kommen scheinen. Wispernde Stimmen, sachte Gesänge, schweres Atmen: Wer mitten im Grün auf einem der Sitze hockt, lauscht und horcht auf jedes kleine Geräusch. Die Wahrnehmung dehnt sich immer weiter aus, alle Sinne funktionieren mit einem Mal feiner, reichen weiter, als es bisher den Anschein hatte. Umso schockierender, dass unvermittelt Kriegsgeräusche auf die Horchenden niederhageln. Rotoren wummern, Bomben detonieren mit dumpfem Knall, Holz splittert: Unwillkürlich zieht jeder, der gerade hier ist, den Kopf ein.

Mit ihren Klanginstallationen haben Cardiff und Miller bei den Skulptur-Projekten in Münster, im Hamburger Bahnhof in Berlin, auf Biennalen in Istanbul oder Sydney reüssiert. Längst ist die Kasseler Arbeit des Künstler-Duos zu einem der Publikumslieblinge der Documenta 13 avanciert. Liegt das daran, dass diese Soundinstallation die Wahrnehmung ganz neu öffnet, den eigenen Körper erfahrbar macht oder einfach Kunst mitten in den Park verlegt? Cardiff und Miller bieten Kunst als Inszenierung der Flüchtigkeit, als beständigen Wechsel der Erfahrungsräume. Kein Wunder: Lautsprecher und Kabel sind perfekt getarnt, Hocker haben die Gestalt von Baumstümpfen. Dieses Kunstwerk ist nicht sichtbar, nur hörbar. Vielleicht macht dieser Appell an den sonst gern unterschätzten Hörsinn den feinen Unterschied.

Standort: Kassel, Karlsaue. www.noz.de/d13-blog