iTunes-Erlöse als Förderung Tommy Schneller singt für einen Film über Flüchtlinge

Von Ralf Döring | 17.12.2015, 16:49 Uhr

Ab diesem Freitag steht der Song „Arschkalte Art“ von Tommy Schneller bei iTunes und Amazon zum Download bereit. Die Erlöse aus dem Verkauf fließen in ein Projekt des Syrers Anis Hamdoun: Der dreht gemeinsam mit seinem syrischen Freund Maan Moussli einen Film über syrische Flüchtlinge.

Der Song beginnt mit einem Fauchen, wie es neben einer zornigen Wildkatze nur die Hammond-Orgel kann. Dann stampft die Band los: Ein mittelschneller Groove, funky und selbstbewusst, bereitet acht Takte lang den Boden für die Stimme von Tommy Schneller. Der singt zum ersten Mal auf Deutsch, denn Tommy ist wütend: weil Flüchtlingsheime brennen, sich brauner Mief ausbreitet, jeder nur an sich denkt. „Arschkalte Art“ heißt der Song, und seit diesem Freitag steht er zum Download bei iTunes und Amazon. Eine gute Tat, denn die Einnahmen fließen in ein Filmprojekt der syrischen Künstler Anis Hamdoun und Maan Moussli zum Thema Flüchtlinge. (Weiterlesen: Tommy Schneller spielt im Rosenhof) 

Drei Wohnungen, eigene Firma – vor dem Krieg

Hamdoun und Moussli sind nicht freiwillig nach Deutschland gekommen. „Mein Vater besaß drei Wohnungen, wir fuhren drei Autos, Moussli hatte seine eigene Firma“, sagt Hamdoun, und er sagt das ohne jede Aufregung, ganz nüchtern. Das genügt, um deutlich zu machen: Wir sind nicht hier, weil wir das wollten. Wir fliehen vor Krieg, Daesh und vor allem vor Assad. Heute bauen sie sich in Deutschland ihre neue Existenz auf, so wie die Menschen, die in diesen Wochen und Monaten aus Syrien, Irak, Eritrea nach Deutschland kommen.

Hamdoun hat das Flüchtlinsthema schon einmal künstlerisch bearbeitet: Beim Theaterfestival „Spieltriebe“ lief dieses Jahr sein Stück „The Trip“. Jetzt wird er, zusammen mit Moussli, die Flüchtlingsfrage filmisch aufgreifen. Dafür reisen sei durch Deutschland, um Flüchtlinge zu befragen. „Wir wollen sie ihre Geschichten erzählen lassen“, sagt Hamdoun, wie sie lebten, wie sie flüchteten, wie sie hier ihr neues Leben aufbauen. Der Clou des Films wird aber sein, die syrischen Geschichten an der deutschen Flüchtlingsgeschichte zu spiegeln. (Weiterlesen: Anis Hamdoun bringt „The Trip“ auf die Bühne) 

Neuankömmlinge, nicht Flüchtlinge

In Spielszenen wollen Hamdoun und Moussli zeigen, wie Migration und Flucht ein sehr deutsches Thema waren. „Wirtschaftskrisen oder Krieg, die Gründe für Flucht variierten“, sagt Hamdoun. Tatsache aber war, dass viele Deutsche nach Amerika auswanderten, und „die Amerikaner wussten, dass die Leute keine andere Wahl hatten, sondern vor extremen Situationen geflüchtet sind.“ Das schlug sich in Begriffen nieder: Die Amerikaner sprachen nicht von „Refugees“, von Flüchtlingen, sondern von Neuankömmlingen, von „Newcomers“. Das gibt dem Film seinen Namen.

Für diesen Unterschied ein Bewusstsein zu wecken, setzen sich die beiden Filmemacher als Ziel. „Der Film ist eine Art Forschungsarbeit, eine Bestandsaufnahme“, sagt Moussli. Laufen soll er auf Festivals und in Programmkinos. Vor allem aber dürfen ihn Schulen zeigen, kostenlos. „Dein Großvater oder Dein Urgroßvater war ein Flüchtling“, lautet eine Arbeitshypothese, die Hamdoun und Moussli unterbreiten möchten. Der Beweis findet sich, ohne allzutief graben zu müssen, in vielen deutschen Familiengeschichten.

Doch trotz aller Ambitionen kostet so ein Projekt Geld. „400000 Euro“ schätzt Hamdoun. Darum kümmert sich Sara Höweler, eine der vielen Freiwilligen im Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge Exil e.V. Sie hat auch, mehr oder weniger zufällig, Tommy Schneller und Anis Hamdoun zusammengebracht. Seitdem hat die Flüchtlingsfrage den Blues. Es tut ihr gut.