Italienischer Sänger mit Weltkarriere Verdi-Tenor: Carlo Bergonzi mit 90 Jahren gestorben

Von Dr. Stefan Lüddemann | 28.07.2014, 14:38 Uhr

Carlo Bergonzi ist tot. Der italienische Tenor wurde 90 Jahre alt. Über Jahrzehnte war er das Maß aller Dinge des Verdi-Gesangs.

Unter all den gepanzerten Helden des Tenorfachs, unter all den Fetischisten des Hohen C und einer als Gesang getarnten Macho-Attitüde war er der Stilist, mit untrügerischem Gespür für makellose Pharsierung immer wieder deutlich machte, welche Kunst Operngesang sein kann. Mit Franco Corelli oder Mario del Monaco hatte Bergonzi dabei übermächtig scheinende Konkurrenz gegen sich. Was ihm aber an schierer Kraft fehlte, glich er mit beispielhafter Atemtechnik aus. Das Resultat war ein Gesang, der nie gepresst oder erzwungen klang, eine Kunst, der in langen Bögen regelrecht gebauten Phrasierungen. Wenn es einen Einspruch gab gegen den Tenor als bloßem Instinktsänger - Carlo Bergonzi hat ihn geliefert. Nach Angabe von Bergonzis Ehefrau Adele ist er am 25. Juli 2014 in Mailand gestorben, wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag.

Die Nähe zum Opernschaffen Guiseppe Verdis war Bergonzi schon durch den Geburtsort gegeben. Bergonzi kam am 13. Juli 1924 in Vidalenzo zur Welt . Im nahe gelegenen Busseto, heute ein Stadtteil Parmas, kam 1813 Verdi auf die Welt. In seinem Sängerleben gestaltete der Tenor vor allem die seinem Fach entsprechenden Figuren aus den Opern Verdis mit unnachahmlicher Eleganz. Herausragend seine Aufnahmen als Radames in der „Aida“ , als Riccardo in „Un Ballo in maschera“, als Manrico in „Il Trovatore“ oder als Don Carlos in der gleichnamigen Oper. Mit seiner Gesamtaufnahme von 33 Tenorarien aus 25 Verdi-Opern legte Bergonzi 1975 eine Meßlatte auf, der jahrelang selbst Größen wie Placido Domingo vergeblich nachzueifern versuchten. Bergonzis Verdi-Paket steht bis heute als beispiellose Referenzaufnahme unerreicht in der Operndiskographie.

Bergonzi startete seine Karriere zunächst 1948 als Bariton. Im süditalienischen Lecce sang er den Figaro in Rossinis „Barbier von Sevilla“. Erst danach stellte Bergonzi sich auf das Tenorfach um, nachdem er bemerkt hatte, dass ihm eine für den Bariton ungewöhnliche Höhe zur Verfügung stand. 1951 trat er erstmals als Tenor auf - als „Andrea Chenier“. In der Opernprovinz begann damit eine Karriere, die Jahrzehnte halten sollte. Hymnisch gefeiert wurde Bergonzi etwa 1989, als er im Münchener Herkulessaal auftrat und noch immer im Vollbesitz seiner makellosen Stimme war. Erst mit 70 Jahren verabschiedete sich Bergonzi vom Konzertpodium. Auf ähnlich lange Karrieren brachten es mit Alfredo Kraus und Nicolai Gedda die beiden anderen feinfühligen Stars des Tenorfachs.

Dabei hat es Bergonzi nie an Attacke und aufwallendem Gefühl gemangelt. Er wusste allerdings um die Kunst, Leidenschaft durch Mittel der Gesangstechnik zu erzeugen und sie nicht durch plakative Expression oder gar schiere Lautstärke vorzutäuschen. Bergonzi war der gedanklich klarste und stilistisch kontrollierteste Tenor seiner Generation . Der Lohn für soviel reflektierte Arbeit war eine Weltkarriere, die den Sänger an alle großen Opernhäuser führte. Herausragend dabei seine Position an der New Yorker Metropolitan Opera, an der er über ein Vierteljahrhundert hinweg das Tenorfach beherrschte. Bei seinen Live-Auftritten wie bei seinen Plattenaufnahmen arbeitete Bergonzi mit allen großen Sopranistinnen seiner Zeit zusammen. Ob Renata Tebaldi, Joan Sutherland, Leontyne Price oder Montserrat Caballé - die Reihe der Primadonnen, denen Bergonzi ein stilsicherer und eben deshalb unübertrefflicher Partner war, lässt sich kaum überschauen. Ebenso übrigens wie Liste der herausragenden Dirigenten, mit denen Bergonzi arbeitete - etwa Herbert von Karaan und Georg Solti.

Dabei kam Bergonzi ohne die gerade in seinem Gesangsfach unvermeidlich scheinenden Starallüren aus. Mit seiner beispiellos langen Karriere setzte er auch ein Zeichen gegen den Stimmverschleiß im Zeichen eines global entfesselten Starrummels. Nach dem Ende seiner Karriere unterrichtete er junge Sänger und wirkte als Hotelier. In Verdis Geburtsort Busseto betrieb er das Hotel „I due Foscari“. So heißt auch eine Oper des großen Komponisten.