Interview mit Siegrid Westphal 500 Jahre nach Luther: Über die Wurzeln nachdenken

Von Michael Schwager | 04.02.2017, 06:17 Uhr

Das Reformationsjubiläum kann für die christlichen Kirchen Anlass sein, über die eigenen Wurzeln nachzudenken, auch um Antworten geben zu können auf neue Herausforderungen. Das sagt Siegrid Westphal, Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit und Direktorin des Interdisziplinären Institutes für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit der Uni

 Vor fast 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine Thesen in Wittenberg. Warum dauerte es danach noch relativ lange, bis die Reformation in Norddeutschland ankam? In Osnabrück zum Beispiel waren es mehr als 15 Jahre. 

Norddeutschland, speziell der heutige niedersächsische Raum, gehörte damals zur Peripherie des Reiches. Es gab hier um 1517 keine einzige Universität. Es fehlten also jene akademischen Netzwerke, die man in anderen Regionen hatte. Es fehlten auch größere Reichsstädte, die auch immer Zentren der Reformation waren.

 Welche Bedeutung hatte die Kritik der Reformatoren an der Kirche für die kleinen Leute? 

Die Wirkung der Reformation auf die kleinen Leute - das war in der Regel die bäuerliche Bevölkerung - kann man nur schwer erforschen, weil wir die Schriftquellen nicht haben. Es gibt zeitgenössische Aussagen, die darauf hindeuten, dass auch die einfache Bevölkerung in den Städten die neue von Wittenberg ausgehende Bewegung wahrgenommen hat. Luthers Ideen sind über verschiedene Medien kommuniziert worden, die dann auch von der einfachen Bevölkerung verstanden werden konnte, beispielsweise die Lieder. Die Reformation wird deshalb auch als „Singebewegung“ bezeichnet, weil man auf bekannte Melodien reformatorische Texte gedichtet hat. Diese wurden dann von Wanderpredigern, Handwerksgesellen oder Händlern verbreitet. Man geht davon aus, dass über diese Form der mündlichen Kommunikation die Inhalte auch in jenen Schichten der Bevölkerung verbreitet wurden, die nicht lesen konnten oder die keinen Zugang zu den Druckwerken der damaligen Zeit hatten.

 Fiel die Reformation auch deshalb auf fruchtbaren Boden, weil die Menschen ohnehin die Machtverhältnisse und die Verteilung des Wohlstandes zu Beginn des 16. Jahrhunderts als ungerecht empfanden? 

Es ist heute eine weit verbreitete Vorstellung, dass die ständische Gesellschaft des frühen 16. Jahrhunderts ungerecht war. In der damaligen Zeit hat man aber die verschiedenen Stände mit ihren abgestuften Rechten als eine gottgegebene Ordnung wahrgenommen. In dieser Ordnung lebte man ganz selbstverständlich von der Geburt bis zum Tod, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Beispielsweise ist der Kaiser selbst im Bauernkrieg als oberster Herr niemals in Frage gestellt worden. Aber innerhalb der ständischen Ordnung hat man Ungerechtigkeiten durchaus wahrgenommen, beispielsweise wenn die Obrigkeiten versucht haben, ihre Rechte auf Kosten der Untertanen auszubauen. Die bäuerlichen Untertanen haben Abgaben und Frondienste hingenommen. Sie haben aufbegehrt, wenn die Obrigkeiten versucht haben, sich noch mehr Rechte und Privilegien anzueignen. Das hat man als ungerecht empfunden, wie man zum Beispiel anhand der Zwölf Artikel, die während des Bauernkrieges formuliert worden sind, deutlich erkennen kann. Der Einfluss der Reformation spiegelt sich darin wider, dass die Bauern ihre Forderungen mit Hilfe des Göttlichen Rechts neu begründen konnten. Dadurch hat sich der Bauernkrieg flächendeckend im Südwesten und im mitteldeutschen Raum ausgebreitet. Die reformatorischen Ideen sind von den Bauern in ihrem Sinne interpretiert worden.

 Die Kirche hat die damalige Gesellschaftsordnung gestützt. Musste da die weltliche Herrschaft nicht um ihre Macht fürchten, wenn die Institution Kirche durch die Reformation in Frage gestellt wurde? 

Wir haben ja zu Beginn der Frühen Neuzeit ein ganzes Spektrum von weltlichen Obrigkeiten. Es gab die Ritter, die Reichsritter, die Grafen, die Fürsten und schließlich die Kurfürsten. Daneben herrschten die geistlichen Fürsten, also die Reichskirche, die ja weltliche und kirchliche Macht in sich vereint hat. Der Fürstbischof von Osnabrück zum Beispiel war sowohl geistliches Oberhaupt als auch weltlicher Herrscher in seinem Territorium. Dort, wo kirchliche und weltliche Herrschaft verbunden waren, hat die Reformation die Verhältnisse destabilisiert. Die rein weltlichen Herrscher haben dagegen in der Kirchenkritik sogar die Chance gesehen, ihre eigene Herrschaft auszubauen, also das Kirchengut in ihre Gewalt zu bringen und die Rechte der Kirche an sich zu ziehen, um auf diese Weise ihre eigene Herrschaft zu stärken.

 Die Reformation wirkte sich in Norddeutschland regional unterschiedlich aus. In Friesland findet man heute meist reformierte Gemeinden, im Raum Osnabrück oder in Hamburg überwiegen die Lutheraner. Woran liegt es?  

Dass wir im nordwestdeutschen Raum auch die reformierte Kirche haben, ist ein Phänomen der zweiten Hälfte des 16 Jahrhunderts. Diese Zeit wird auch als „zweite Reformation“ bezeichnet. Die reformierte Kirche wächst aus der lutherischen hervor. Die Landesherren in Ostfriesland oder in der Grafschaft Bentheim zum Beispiel haben die Lehren von Calvin übernommen, mit denen aus ihrer Sicht die Reformation vollendet wurde. Einige Gebiete sind reformiert geblieben, andere hier in der Region sind ab dem 17. Jahrhundert unter anderem durch die Jesuiten rekatholisiert worden, beispielsweise das heutige Emsland Im 16. Jahrhundert hatten die Katholiken hier noch einen schweren Stand.

 Wer waren die wirksamen Akteure für die Reformation in Norddeutschland? 

Johannes Bugenhagen gilt als der Reformator Norddeutschlands, weil er die entscheidenden Kirchenordnungen verfasst hat. Er hat die kirchlichen Normen für die gesamte Region vorgegeben. Er wird mit Hamburg, Braunschweig und vor allem mit Lübeck in Verbindung gebracht. Von dort aus hat er in den norddeutschen Raum hinein gewirkt. Seine Braunschweiger Kirchenordnung war Vorbild für fast alle Kirchenordnungen im norddeutschen Raum. Es ging dabei erstens um die Gottesdienstordnung sowie die Lehre, Ausbildung und Kontrolle der Pfarrer, zweitens um die Armenfürsorge und drittens um die Schulausbildung. Diese drei Bereiche waren vor der Reformation von der katholischen Kirche getragen worden. Die Reformation führte zunächst dazu, dass diese Bereiche zusammenbrachen. Deswegen musste man sie jetzt neu regeln. Daher standen die Kirchenordnungen am Anfang. Durch Reisen im Territorium wurde die Kirchenordnung bekannt gemacht, die Pfarrer wurden überprüft, Schulen neu gegründet - unter anderem ja auch das Ratsgymnasium in Osnabrück.

 Welche Rolle spielte die Erfindung des Buchdrucks für die Verbreitung der Reformation? 

Der Buchdruck war seit Mitte des 15. Jahrhunderts etabliert. Es gab ihn also schon rund 70 Jahre vor der Reformation. Es wurden auch sehr viele Druckereien gegründet, aber im unmittelbaren Vorfeld der Reformation erlebte der Buchdruck eine Krise. Es fehlte ein Thema. So betrachtet brauchte der Buchdruck die Reformation als Medienereignis und die Reformation den Buchdruck zu ihrer Durchsetzung.

 Ist es zulässig, Parallelen zur medialen Revolution durch das Internet heute zu ziehen?  

Ich bin immer sehr vorsichtig mit Aktualisierungen, weil jede Gesellschaft ihre eigenen Rahmenbedingungen hat. Man spricht von drei Medienrevolutionen: Die erste von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, die zweite von den handschriftlichen zu typografischen Verfahren und die dritte von den typografischen Verfahren zu den elektronischen. Die Verbindung von Reformation und Buchdruck entwickelte eine ungeheure Sprengkraft. Es entsteht zum ersten Mal eine große Öffentlichkeit. Lokale Versammlungen wirkten vorher nur sehr begrenzt. Die Drucke erreichten Anfang des 16. Jahrhunderts viel mehr Menschen, auch die einfache Bevölkerung. Kurzum, es gab keine „von oben“ gesteuerte Kommunikation mehr. Vor der Reformation waren die Publikationen überwiegend in lateinischer Sprache verfasst und für ein Gelehrtenpublikum gedacht. Wer sich in der Reformation Gehör verschaffen wollte, musste auf Deutsch publizieren. Es wurden günstig zu habende Flugschriften erfunden, alles Neuerungen, mit denen man eine breite Öffentlichkeit erreichte.

 Ist auch der ruppige Umgangston, den man heute in Netzdebatten feststellt, ein Merkmal der Diskussionskultur von damals? Luther war ja wohl auch nicht zimperlich in der Beschimpfung seiner Kontrahenten. 

Der ruppige Umgangston ist ein interessantes Phänomen. Es ist die Sprache der Zeit. Luther war überzeugt, dass „man dem Volk aufs Maul schauen“ müsse. Luther setzt diese Sprache aber rhetorisch ein. Selbst wenn er Gegner verunglimpft, dazu gelegentlich Tiermetaphern benutzt, ist das ein rhetorisches Stilmittel, das zur Polemik gehört. Und er war ein Meister der Rhetorik. Viele versuchten in der damaligen Zeit, durch die Anpassung an die Volkssprache Meinung zu bilden. Heute verbindet man oftmals Polemik nicht mit Argumenten. Da wird die Beschimpfung zum Selbstzweck.

 Viele Reformatoren zögerten nicht, ihr Leben für ihre Überzeugungen zu geben. Adolf Clarenbach zum Beispiel, der auch kurz in Osnabrück wirkte, wurde schließlich in Köln als Ketzer gefoltert und hingerichtet. Was trieb Menschen wie ihn an? Waren sie Fanatiker? 

Man muss hier wieder den Zeithorizont sehen. Luther und auch die anderen Reformatoren glaubten, dass sie in der letzten Zeit vor dem Weltuntergang lebten. Sie waren sehr stark geprägt vom apokalyptischen Denken. Man glaubte an den Antichristen, der die Menschen zu falschem Verhalten verleiten will. Die Überzeugung war: Man darf sich nicht dem Antichristen unterwerfen, sondern muss standhaft bei seinem Glauben und seinen Überzeugungen bleiben. Vor diesem Hintergrund erklärt sich viel stärker, warum Menschen damals bereit waren, für ihre Überzeugungen zu leiden und notfalls auch den Tod in Kauf zu nehmen. Was man vielleicht heute als Fanatismus bezeichnen würde, galt im christlichen Umfeld damals als Märtyrertum. Für die katholische Kirche waren die Anhänger der Reformation in der damaligen Zeit jedoch Ketzer. Das war sogar juristisch gesehen berechtigt: Luther war ja gebannt worden, also aus der katholischen Kirche und aus der weltlichen Gemeinschaft ausgeschlossen worden. Und die katholische Kirche ging wie selbstverständlich davon aus, dass man berechtigt ist, Anhänger der Reformation hinzurichten. Die Reformatoren waren zwar überzeugt von ihren Ideen, aber was sie von Fanatikern im heutigen Sinne unterscheidet: sie haben nicht gewaltsam missioniert und Menschen, die ihnen nicht gefolgt sind, mit Gewalt oder dem Tod bedroht. Ich wäre also ganz vorsichtig mit Parallelisierungen. Sie dürfen die Reformation nicht in die Nähe von aktuellem religiösen Fanatismus rücken. Es hat auch in der Reformation radikale Strömungen gegeben, zum Beispiel die Täuferbewegung. Die Täufer haben sich als Auserwählte betrachtet. Alle, die ihnen gefolgt sind, waren für sie ebenfalls auserwählt. Wer nicht gefolgt ist, war aus ihrer Sicht zu vernichten. Aber die Täufer stehen nicht für die gesamte Reformation.

 Welche gesellschaftliche Wirkung entfaltet die Reformation heute noch? 

Katholische und evangelische Kirchen versuchen, sich heute wieder anzunähern. Viele dachten, dass seit der Aufklärung die Religion in der Gesellschaft kaum mehr Bedeutung habe. Heute werden die Kirchen wieder herausgefordert, zum Beispiel durch wachsende Glaubensgemeinschaften in unserer Gesellschaft, während die christlichen Kirchen schrumpfen. Ich glaube, dass ein Reformationsjubiläum Anlass sein kann, über die eigenen Wurzeln nachzudenken und sich auf die eigene Geschichte zu besinnen, auch um Antworten geben zu können auf neue Herausforderungen.