Im Landesmuseum Oldenburg „Demo, Derrick, Discofieber – Die Siebzigerjahre“

06.11.2015, 18:56 Uhr

Zum dritten Mal zeigt das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg eine Dekaden-Ausstellung. „Demo, Derrick, Discofieber – Die Siebzigerjahre in der Bundesrepublik“ bietet eine Zeitreise in eine Vergangenheit mit Hotpants, Tapeten aus farbigen Prilblumen und Protestkultur.

Wie schon bei den Schauen zu den 1950er- und 1960er-Jahren zeichnet sich ein riesengroßes Interesse ab. Und das liegt nicht an einer erneuten Alliteration im Ausstellungstitel nach „Party, Perlon Petticoats“ über die 50er (2008) und „Mini, Mofa, Maobibel“ (2013). Auf letzterer Ausstellung drängelten sich 1700 Besucher wöchentlich auf den 400 Quadratmetern im Schloss.

Ähnliche Zahlen dürften sich die Kuratoren Siegfried Müller und Michael Reinbold auch von „Demo, Derrick, Discofieber – Die Siebziger- jahre in der Bundesrepublik“ erhoffen. Am interessantesten ist schließlich das, was Menschen bereits kennen. Die Zeitreise in die Vergangenheit für wohl die meisten Besucher ist von morgen an bis zum 20. März 2016 zu sehen.

Die Tapeten aus farbigen Prilblumen, die typisch orangen und braunen Sofas oder Telefone, Platten von Roy Black , Udo Lindenberg, Udo Lindenberg, Deep Purple – viele der 400 Exponate werden zu „Schau mal, das hatten wir auch zu Hause“-Aussprüchen verleiten.

Genauso stellen Müller und Reinbold dar, wie die 70er die Bundesrepublik – die DDR kommt nicht vor – auch in gesellschaftlich-politischer Hinsicht nachträglich verändert haben. Plötzlich wurde eine neue Subjektivität erkennbar, das Individuum nahm sich wichtiger – deutlich zu sehen etwa in der Kampagne gegen den Abtreibungsparagrafen 218, mit der die Frauenbewegung erstmals bundesweite Aufmerksamkeit erreichte: 274 Frauen, darunter viele Prominente, bekannten im Stern, selbst abgetrieben zu haben.

„Mein Bauch gehört mir“ hieß die Kampagne. Schon 1974 erreichte sie eine erste Modifizierung des Gesetzes durch den Bundestag, die früh allerdings durch das Bundesverfassungsgericht gekippt wurde. Die Frauenbewegung war aber nicht mehr aufzuhalten.

In der Oldenburger Ausstellung zu sehen ist auch die 1977 erschienene Erstausgabe der „Emma“, der ersten Zeitschrift „von Frauen für Frauen“.

Auch sonst waren die 70er ein „Jahrzehnt des politischen Aufbruchs“ und des Wertewandels: Die Ökologie- und Anti-Atomkraft-Bewegung kamen auf, Spontis besetzten Häuser. „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ war auf den Transparenten zu lesen. Bewegungen, die am Ende des Jahrzehnts in der Gründung der Grünen Partei mündeten.

Andere Bewegungen lösten Krisen aus. Die Geschichte der linksradikalen „Rote Armee Fraktion“ ist eines der Themen des Jahrzehnts mit dem grausigen Höhepunkt im „Deutschen Herbst“ 1977: die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, die von der Polizei-Eingreiftruppe GSG9 beendete Entführung einer Lufthansa-Maschine in Mogadischu und der darauf folgende Suizid der RAF-Führungsspitze im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim. „Die 70er-Jahre“, sagt Müller, „waren auch ein zerrissenes Jahrzehnt“.

Von einer anderen Krise zeugt sogar Kinderspielzeug. „Der Erfolg des Figurenherstellers ,Playmobil‘ war ohne die Energiekrise kaum denkbar“, berichtet Müller. Nur weil Plastik plötzlich teurer wurde, wurden die Figuren auf das heutige Maß verkleinert.

Ebenso hat sich das ausgestellte „Bobbycar“, der erste Flitzer im Leben auch heute aufwachsender Kinder, kaum verändert. Nur der Aufkleber mit dem Schriftzug „Ich bin ein Energiesparer“ erinnert an die Zeit vor 40 Jahren mit ihren erstmals explodierenden Benzinpreisen und autofreien Sonntagen.

Die Prilblumen, das Bonanzarad, die Flokati-Teppiche, Hotpants und Relikte aus der Trimm-dich-Zeit sind dienstags bis sonntags von jeweils 10 bis 18 Uhr im Oldenburger Schloss zu sehen.