Idealfall für die zeitgenössische Oper Ruhrtriennale: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

Von Pedro Obiera | 16.09.2013, 19:25 Uhr

Bisher fällt die Bilanz der Ruhrtriennale eher durchwachsen aus. Zeit also für eine Aufbesserung: Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der Regie von Robert Wilson erweist sich als Glücksfall – für die Ruhrtriennale und für das zeitgenössische Musiktheater.

Bei der diesjährigen Ruhrtriennale spielt die zeitgenössische Oper eine entscheidende Rolle. Eröffnet wurde das Festival zum Beispiel mit „ Delusion of the Fury “ von Harry Partch. Helmut Lachenmann wiederum hat sich der Gattung eher mit spitzen Fingern genähert. Dennoch schuf er in sechsjähriger Arbeit, „unter Schmerzen“, das neben Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ bedeutendste Nachkriegswerk für das Musiktheater. „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, vor 16 Jahren in Hamburg uraufgeführt, erfuhr jetzt im Rahmen der Ruhrtriennale eine ideale Interpretation unter idealen Bedingungen. Damit konnte Triennale-Intendant Heiner Goebbels den spektakulären Erfolg von John Cages „ Europeras “ im letzten Jahr noch an konzentrierter Dichte überbieten und die Bilanz der diesjährigen, bisher etwas flau verlaufenden Saison auffrischen.

Ideal die räumlichen Bedingungen der Jahrhunderthalle: Ein in den Boden eingelassenes, meist in kaltem Blau ausgeleuchtetes Carré bildet die Spielstätte, um die das Publikum gruppiert ist, umrahmt von Chor und Orchester auf der höchsten Empore. Ideal die Besetzung: Das hr-Sinfonieorchester, das Chor-Werk-Ruhr, das Solistenensemble und als wichtigste szenische, meist stumme Akteure die Schauspielerin Angela Winkler und Regisseur Robert Wilson höchstpersönlich.

Ideal die Inszenierung: Wilson, die amerikanische Theater-Ikone, nimmt Lachenmanns Scheu vor optischem Ballast und szenischem Aktionismus ernst und belässt die Bühne meist in kalter Leere, setzt Requisiten nur sparsam ein, und wenn schon, wie etwa einen Christbaum oder einen Eisberg, in winzigen Dimensionen. Die Lichtregie vollführt wahre Wunder. Und Wilsons bisweilen schon manieristisch anmutende, schildkrötenhaft gedrosselte Bewegungs-Ästhetik passt sich dem Werk nahtlos an. Bewundernswert Angela Winkler, die ihren Körper 75 Minuten lang in zeitlupenhafter Starre unter Spannung halten muss und für die erste Durchquerung des gar nicht so großen Carrés fast eine halbe Stunde braucht. Wilson, in schwarzem Zweireiher wie ein mephistolisches Alter Ego zur weiß gewandeten Titelfigur wirkend, übernimmt alle restlichen Rollen einschließlich der gespenstisch anmutenden Großmutter. Er verkneift sich, die im Libretto angelegte Verknüpfung des traurigen Mädchenschicksals mit der Biografie der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin zu konkretisieren. Beide leiden an der sozialen Kälte ihrer Zeit, beide enden in kläglicher Einsamkeit, reagieren aber denkbar unterschiedlich auf die Missstände. Das Flammeninferno, das das Mädchen mit den angezündeten Schwefelhölzern entfacht und das in Verbindung mit den Kaufhausbränden der RAF gebracht werden kann, inszeniert Wilson so behutsam, dass der Unterschied zwischen dem leidenden Opfer des Andersen-Märchens und der moralisch entgleisten Terroristin gewahrt bleibt.

So berauschend schön die Bilder, so überwältigend die Klänge, die Lachenmann zaubert und die die brillanten Ensembles unter Leitung von Emilio Pomàrico maßstabsetzend umsetzen. Ein Kaleidoskop von Klängen zwischen zartestem Pianissimo und Geräuschen, die nie plakativ wirken und nie die Konzentration des Spiels stören. Zu nennen sind neben Chor und Orchester die auf der Empore im Orchester integrierten Sopranistinnen Hulkar Sabirova und Yoko Kakuta, die Sho-Interpretin Mayumi Miyata, die, auf einer Schaukel sitzend, mit ihren Klängen die Verlorenheit des Mädchens besonders eindringlich zum Ausdruck bringt, sowie alle Beteiligten. Ein Glücksfall für die Ruhrtriennale und das zeitgenössische Musiktheater.

Die nächsten Aufführungen in der Bochumer Jahrhunderthalle: 18. bis 22. September täglich um 20.30 Uhr. Infos: www.ruhrtriennale.de