Hannover eröffnet die neue Spielzeit mit Kleists Novelle Kohlhaas als Wutbürger

Von dpa | 16.09.2011, 13:03 Uhr

Der Kleist-Klassiker „Michael Kohlhaas“ gehört in vielen deutschen Klassenzimmern zur Pflichtlektüre. Dass der Stoff brandaktuell ist, hat das Schauspielhaus Hannover zum Start in die neue Spielzeit gezeigt. Intendant Lars-Ole Walburg inszenierte „Staatsfeind Kohlhaas“, eine Bearbeitung der klassischen Novelle durch den Ungarn István Tasnádi.

Walburg sieht im Kohlhaas-Stoff aus dem Jahr 1810 viele Parallelen zur gesellschaftlichen Gegenwart. „Wenn man von diesem Umschwung vom Kampf gegen staatliche Gewalt in Mordbrennerei und Brandschatzen liest, dann steckt da viel von dem sogenannten Wutbürger drin“, sagt Walburg – vom Wutbürger, wie er zum Beispiel in Stuttgart beim Kampf gegen den neuen Bahnhof seinem Unmut Luft machte. Für seine Inszenierung griff der Intendant auf die Bearbeitung des ungarischen Gegenwartsdramatikers István Tasnádi zurück – in Hannover wurde die Fassung zum ersten Mal in Deutschland gespielt.

Der Ungar erzählt die Geschichte aus der Sicht der beiden geschundenen Pferde. Die Tiere, dargestellt von Katja Gaudard und Sebastian Schindegger, werden in Hannover als zwei gesellschaftliche Außenseiter in Rocker-Kostümen aufgefasst. Niemand scheint ihr Leiden zu interessieren, wenn sie im Verlauf des Abends von den Herrschenden in immer neuen Variationen gequält und misshandelt werden.

Das Gefühl der Ohnmacht angesichts dieser offensichtlichen staatlichen Willkür verwandelt Rainer Frank als Michael Kohlhaas in nackten Terror und Gewalt. In kurzer Zeit ist die hölzerne Bühnenarena mit Blut und Exkrementen befleckt. In seinem blinden Wüten gegen die Ungerechtigkeit gibt Kohlhaas sein bisheriges Leben auf.

Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit seines Handelns stellt er sich schließlich selber. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich die Pferde mit dem Blut meiner Frau erkaufe, hätte ich mich vielleicht anders entschieden“, räsoniert er – doch da ist es längst zu spät.

Walburg und sein Team haben den ungarischen Text mit Zitaten zur deutschen Gegenwart angereichert – etwa „Wetten, dass Stuttgart 21 gebaut wird?“. Dadurch werden deutliche Bezüge zur Gegenwart hergestellt. Ganz zum Schluss spricht der Staatsfeind Kohlhaas das Publikum direkt an und ruft zum gesellschaftlichen Ungehorsam auf: „Hört auf, Steuern zu zahlen!“ Wie es langfristig darauf reagiert, wird noch zu beobachten sein.