Gustavo Dudamel gibt sein Debüt Staatsoper Berlin: „Figaro“ von Mozart begeistert

Von Ralf Döring | 08.11.2015, 16:49 Uhr

Die Staatskapelle Berlin unter Gustavo Dudamel in bester Verfassung, eine tolle Sängerriege, schließlich Jürgen Flimms stimmige, mitunter ausgesprochen witzige Regie: „Le nozze di figaro“ hat der Staatsoper Berlin einen umjubelten Erfolg beschert.

Warum nicht mal die Zwanziger Jahre. Da ging es hoch her; in Frankreich spricht man von den „années folles“, den verrückten Jahren, und das ist doch schon ganz nah beim „Figaro“ von Beaumarchais: Der schrieb „La folle journée“ über seine Komödie, der verrückte Tag. Mozart hat daraus eine Oper gemacht, für Jürgen Flimm, den Staatsopern-Intendanten „das allerbeste je für das Theater erdachte Stück“, und der hat es aus dem Schloss des Grafen Almaviva in ein etwas heruntergekommenes Zwanziger-Jahre-Strandhotel verlegt, mit Antonio (Olaf Bär) als Hotelchef und der kleinen Barbarina (Sónia Grané) als Zimmermädchen. Warum auch nicht.

Ein unmoralisches Angebot

Ins Zentrum seiner Inszenierung rückt Flimm den Grafen Almaviva: Ildebrando D‘Arcangelo hat dafür die passende eine imposante Statur. Groß, die schwarzen Locken durch Pomade gezähmt, Menjou-Schnurrbärtchen, dazu ein Anzug im hellen Chic der Goldenen Zwanziger: So einer zieht Blicke an. Dann die Stimme: ein mächtiger, dunkler, kraftvoller Bass, der Dominanz ausdrückt, ja: vielleicht schwingt auch ein Hang zum unkontrollierten Gewaltausbruch mit – so einer könnte jederzeit explodieren, also Vorsicht. Das erklärt, warum Susanna und Figaro die Heiterkeit verlieren, als sie ihr Duett über ein unmoralisches Angebot des Grafen singen: Es ist ein Angebot, dass man nicht ohne Weiteres ablehnen kann.

Indem Flimm die Gewichtung der Oper ein wenig verschiebt, läuft er allerdings Gefahr, die Komödie aus den Augen und sich in Betulichkeit zu verlieren. Tatsächlich entsteht eine gewisse Diskrepanz zwischen der Bühne und dem, was Gustavo Dudamel bei seinem Staatsoperndebüt mit der Staatskapelle Berlin veranstaltet. Im hochgefahrenen Graben entstehen nämlich Mozarts Seelenlandschaften überwältigend plastisch; Dudamel sticht urplötzlich in die Tiefe, zeichnet sanft-sämige Streicherflächen, und gleichzeitig schnurrt die Musik so leicht und selbstverständlich, dass es eine wahre Freude ist. Auch die Sänger agieren musikalisch und darstellerisch wunderbar: Anna Prohaska versteckt sich als Susanna anfangs klanglich im Orchester, legt ihre Zurückhaltung aber schnell ab und singt schließlich eine tief berührende Rosen-Arie. Lauri Vasar hat ein paar Probleme in der Tiefe, ansonsten gibt er einen kraftvollen Figaro – der allerdings, mit Brille und Knickerbockern (Kostüme: Ursula Kudrna) im Schatten des Grafen bleibt. Und zu dessen Alpha-Männchen-Dominanz passt dann auch Dorothea Röschmann, die die Gräfin mit viel dramatischem Potenzial anlegt. Die Marcellina interpretiert Katharina Kammerloher als Grande Dame, und zwischen allen schwirrt der dauerverliebte Cherubino herum, den Marianne Crebassa bezaubernd singt und spielt.

Raum für Mozarts Musik

Auch dieses Spiel auf der Bühne prägt eine gewisse Leichtigkeit – als hätte sich Flimm, der alte Theaterfuchs, tatsächlich das Bonmot vom Stück, das von selbst läuft, zu eigen gemacht. Freilich erfordert diese Leichtigkeit harte Arbeit und unbedingte Präzision: Andernfalls hätten die Slapstickeinlagen nicht gezündet. Damit bricht er die Figur des Grafen, macht ihn zu einer Art Gallier-Häuptling, der immer wieder vom Schild plumpst. So stolpert D‘Arcangelos Almaviva über die eigenen Füße, stößt sich an Schrankkoffern, versinkt wahlweise in Korbsesseln oder im Liegestuhl, kurz: er bedient das ganze Arsenal der 20er-Jahre-Komik.Den Rahmen für dieses Spiel liefert die Bühne von Magdalena Gut: Schlichte Bretterwände, die sich leicht verschieben lassen, und das nächtliche Versteckspiel findet diesmal auf einer Düne statt, die sich von hinten auf die Bühne schiebt. Dabei wirkt nichts erzwungen, die Geschichte entwickelt sich organisch, und vor allem lässt Flimm Mozarts Musik wunderbar zur Geltung kommen. Die Staatsoper Berlin hat einen wirklich feinen „Figaro“ präsentiert.