Grüne Schale, weicher Kern Gefühlvoller als das Original: Shrek in Tecklenburg

Von Ullrich Schellhaas, Ullrich Schellhaas | 18.06.2017, 02:00 Uhr

Im Jahr 2001 brachte Dreamwork Pictures einen rülpsenden Oger namens Shrek auf die Kinoleinwand. Der tollkühne Anti-Held mit den rustikalen Manieren und dem Herz am rechten Fleck begeistert seither junge und ältere Fans. Nun ist Shrek auf den Freilichtspielen Tecklenburg angekommen – als Musical.

Das Stück, das schon im Jahr 2008 am New Yorker Broadway Premiere hatte und mit 25 Millionen US-Dollar seinerzeit als die teuerste Musicalproduktion aller Zeiten galt, lief dort knapp 13 Monate und war eine perfekt durchgestylte Show. Es erzählt die hinlänglich bekannte Geschichte des Films nach: Shrek will seinen Sumpf zurück, in den Lord Farquaad alle Märchenfiguren verbannt hat. Er lässt sich deswegen, begleitet vom ewig plappernden Esel, darauf ein, für den Fiesling eine Prinzessin aus einem von einem Drachen bewachten Turm zu retten.

Gleiche Rechte für vermeintliche Freaks

Was am Broadway und auch in der deutschen Fassung von Kevin Schroeder und Heiko Wohlgemuth vor allem eine bombastische Technik-Schlacht ist, wird in Tecklenburg unter der Regie von Ulrich Wiggers zu einem gefühlvoll und sensibel erzählten Märchen für eher ältere Kinder und Erwachsene. Natürlich kommen dabei die bisweilen derben Späße nicht zu kurz, aber am Ende bleibt die Botschaft „Du bist ein Freak? Was soll’s – Du darfst und sollst trotzdem ganz normal leben können.“

Das liegt vor allem an der sensationellen Interpretation von Tetje Mierendorf als Shrek. Selbst nicht der allergrößte Sänger schafft er es dennoch spielend, das Publikum mit seinen emotionalen Liedern und seiner gefühlvollen Interpretation des Ogers mit dem weichen Herzen um den sentimentalen Finger zu wickeln. Absolut traumhaft, lustig und emotional gleichzeitig ist beispielsweise das Duett mit Prinzession Fiona, nach 8723 Tagen im Turm eingesperrt psychisch mehr nicht die Stabilste, in dem die Beiden zunächst versuchen, sich mit ihrer schlimmen Kindheit zu übertrumpfen, dass dann in ein komisches Rülps-Duett übergeht und in dem sie sich schließlich ineinander verlieben.

Magische Momente

Roberta Valentini spielt Prinzessin Fiona mit sichtlichem Spaß an ihrer Rolle und meistert ihre Gesangspartien souverän. Thomas Hohler als edles Ross „Esel“ ist nicht nur stimmlich gewohnt stark, sondern auch das personifizierte Gewissen und Herz des ruppigen Ogers. Auch Robert Meyer manövriert sicher durch die gar nicht mal so eindimensionale Rolle das Karrieristen Lord Farquaad. Auch die rund 25 weiteren Musicaldarsteller überzeugen in verschiedensten Nebenrollen. Chor und Statisterie sind in die Kostümschlacht, etwa in die große Tanznummer von Fiona mit dem Rattenfänger von Hameln nebst seinen Opfern, homogen und gleichwertig eingebunden. Nicht immer haben Inszenierungen so viele magische Momente, vom tanzenden Wald über singende Sonnenblumen bis hin zu liebestollen Drachen, geboten.

Harmonisches Gesamtbild

Das Orchester unter Leitung von Giorgio Radoja spielt die Hit-arme aber angemessene Musik von Jeanine Tesori routiniert und lässt den Darstellern viel Raum. Die Choreografien von Kati Heidebrecht fügen sich harmonisch in das märchenhafte Geschehen. Und Karin Albertis Kostüme sind an vielen Stellen ein wahrer Augenschmaus. Das wunderschöne Bühnenbild von Susanna Buller und die Maske von Philip Hager und Gülfidan Söylemez unterstützen die Produktion zudem. Alles in allem bleibt so als Fazit nach der Premiere ein Musicalabend, der offensichtlich mit viel Herzblut erschaffen wurde und eigentlich ein zahlreiches Publikum verdient. Am Premierenabend war das Auditorium mit rund 1100 Besuchern leider nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Und dabei funktioniert Shrek doch auch als Musical ganz prima – gerade in dieser emotionsgeladenen Inszenierung.