Ruhmesblatt für Julianne Moore Starkes Frauenporträt: "Gloria"

Von Tobias Sunderdiek | 22.08.2019, 08:10 Uhr

Julianne Moore begeistert in dem US-Remake des chilenischen Films "Gloria". Ein Frauenporträt, zart und kraftvoll zugleich..

Gloria müsste eigentlich zufrieden sein. Finanziell ist sie relativ abgesichert, die glücklich Geschiedene ist Mutter und Großmutter, sieht gut aus, lebt in einem schönen Apartment. Und doch ist ihr Leben etwas langweilig, auch weil ihre Kinder inzwischen ihr eigenes Leben führen. Also sucht die Versicherungsangestellte (Julianne Moore) das Abenteuer. Etwa auf „Ü 50“-Partys. Wo sie eines Abends den leicht schüchternen Arnold (überzeugend: John Turturro) kennen lernt. Sie verliebt sich ihn. Doch der frisch Geschiedene, der einen Pinball-Park betreibt, kann sich einfach nicht von seiner Ex-Frau und seinen zwei Töchtern lösen. Er verlässt Gloria immer wieder, verschwindet klammheimlich von der Geburtstagsparty ihres Sohnes und aus der gemeinsame Suite in Las Vegas, wo das Paar zu einen Wochenendtrip fährt. Seine Versuche, sich mit Gloria zu versöhnen, wirken eher hilflos, sein Verhalten würden Psychologen wohl als „passiv-aggressiv“ bezeichnen.

Ist Gloria auf einen solchen Partner angewiesen, weil, das weiß sie auch, der Zahn der Zeit an ihr nagt? Oder wird sie sich zu einem Befreiungsschlag hinreißen lassen? Wird sie wieder allein, aber auch um eine Erfahrung reifer sein?

„Gloria“ hat die Frage nach der Selbstständigkeit seiner Titelheldin bereits 2013 beantwortet. Denn damals drehte der chilenische Regisseur Sebastián Leilo das Original dieses Films. Ebenfalls "Gloria" betitelt, entwickelte sich der Film zum Publikumsliebling, nicht nur auf der damaligen Berlinale wo die Hauptdarstellerin Paulina García einen Silbernen Bären erhielt, sondern auch im Kino.

2018 in Hollywood von Leilo erneut verfilmt, tritt nun die Oscar-Preisträgerin Julianne Moore in die Fußstapfen der grandiosen Hauptdarstellerin von damals – und sie macht ihre Sache großartig. Moore muss dabei persönlich viel an dem Projekt gelegen haben, tritt sie doch sogar als eine der Produzentinnen auf.

Sicher, La Moore wirkt äußerlich eher wie ein Hollywood-Star „in den besten Jahren“, anders als die eher erdig wirkende Paulina García. Dabei wirkt Julianne Moore jedoch völlig uneitel. Und was ebenfalls wichtig ist: Die neue Fassung kann dabei auch als ein gelungenes Beispiel für eine Neuinterpretation herhalten. Zwar folgt die Hollywood-Version storymäßig weitgehend dem Original, trotzdem gelingt Regisseur Leilo der Kulturtransfer erstaunlich gut.

Freilich fehlen die zuvor gemachten politischen Seitenhiebe auf die chilenische Vergangenheit , dafür porträtiert das Remake nun eine „typisch amerikanische“, mittelständische Büroangestellte (als Kollegin übrigens: Fassbinder-Star Barbara Sukowa), deren Vergangenheit vor allem aus 80er-Jahre Popmusik besteht. Die hört sie vor allem während ihrer Autofahrten durch Los Angeles. Privates steht im Vordergrund. Doch die Gefühle, die der Film zeigt, bleiben trotzdem universell - mögen sich sich die Nuancen in der Darstellung auch leicht ändern.

Titelheldin Julianne Moore weiß diesen Platzhalter grandios aufzufüllen. Sebastián Leilo („Eine fantastische Frau“) überlässt ihr dabei dankenswerterweise das Feld, arrangiert aber auch immer wieder perfekte Bilder voller Einsamkeit für sie. Selbst die intimsten Szenen, etwa wenn Gloria und Arthur miteinander schlafen, wirken oft seltsam ungelenk und verströmen eine Alltäglichkeit, die meist in amerikanischen Filmen schmerzlich vermisst werden. Auch Gesten, Blicke, leise Anmerkungen, etwa auf Familienfeiern, erzählen da ganze Geschichten. Thema des Films sind also die Höhen und Tiefen des Lebens. Dabei kommen die mal so prosaisch daher wie die Diskussion um die eigene Rente, aber auch so lyrisch wie das im Film vorgetragene Gedicht des Chilenen Claudio Bertoni. Ein emotionaler Spagat, den dieser Film grandios meistert.

„Gloria - Das Leben wartet nicht“ (USA/Chile 2018). R.: Sebastián Leilo. D.: Julianne Moore, John Turturro, Michael Cera, Barbara Sukowa. 102 Minuten. FSK: ab 0