Geschichte einer kontroversen Wirkung Ein Buch wie Sprengstoff: „Im Westen nichts Neues“

Von Elke Schröder | 19.05.2014, 10:00 Uhr

Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ gilt als wichtigster Anti-Kriegs-Roman des 20. Jahrhunderts. Vor 85 Jahren erschien das Werk des Osnabrückers in einer Zeit der Bewährung der Weimarer Republik. Die Wirkungsgeschichte des Buches in Deutschland zeugt von seiner politischen Sprengkraft in jenen Tagen, als selbst die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ein Kampfplatz war.

Als im Januar 1929 „Im Westen nichts Neues“ als Buch in Deutschland herauskam, erschien es im Umfeld von Romanen wie Ludwig Renns „Krieg “, die ebenfalls zehn Jahre nach Kriegsende die Fronterlebnisse aus der Perspektive einfacher Soldaten schilderten. Doch nur Remarques Roman sollte in kürzester Zeit mit den Erlebnissen des jungen Paul Bäumer und seiner Kameraden im Stellungskrieg an der Westfront den bis dahin größten Bucherfolg der deutschen Literaturgeschichte: 1,2 Millionen Exemplare wurden bis Januar 1933 verkauft.

„Wer hätte sie bisher verstanden, diese Jugend, die auf der Schulbank die Marschstiefel angezogen hat, die aus dem Felde kam und keine ‚Position‘ finden konnte, weil sie keine Beziehung zu diesem Leben hatte, von den Älteren abgewiesen und von Jüngeren verdrängt, nichts konnte als verlassen schweigen, und den Fieberherd der Nachkriegsjahre bildete?“, lobte im Februar 1929 die „Osnabrücker Zeitung“ den Roman „Im Westen nichts Neues“. Remarque erreichte diese Wirkung, indem er journalistisch knapp erzählte. Ein Beispiel: Bäumers Erwähnung einer überraschenden doppelten Mahlzeit für die abgelösten Frontsoldaten. Den Grund liefert das Bild für das sinnlose Massensterben: Nur die Hälfte der Kompanie kam lebend zurück. 

Kurz nach der Veröffentlichung – vor allem als Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“ 1928 – war die Presseresonanz noch überwiegend positiv. Das Buch wurde sogleich in 26 Sprachen übersetzt. Doch vor allem die Figur des Briefträgers Himmelstoß, der im Krieg als Unteroffizier auf dem Kasernenhof zum Tyrannen wird, stieß selbst bei Rezensenten auf Kritik, die mit der „verlorenen Generation“ mitfühlten. Verleger Hermann Ullstein beschrieb die Stimmung in seinen Erinnerungen 1943 ( „Das Haus Ullstein“ ) so: „Remarque hat sich mit seinem Buch viele Feinde gemacht. Ihm wurde vorgeworfen, er habe die deutsche Soldatenehre besudelt und die preußischen Tugenden in Verruf gebracht, die da sind: die friderizianische Courage und das alte Draufgängertum. Das war selbstverständlich barer Unsinn.“

Remarques Buch traf auch den Nerv eines Generationenkonflikts, der sich in der Verbissenheit widerspiegelte, mit der um die Deutungshoheit über die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg gestritten wurde. Und mittendrin der große Berliner Zeitungs- und Buchverlag Ullstein. „Die zentrale Frage, die sich an ‚Im Westen nichts Neues‘ anschließt, war: Wie kann die politische Situation der späten Weimarer Republik verbessert werden, wie kann die Demokratie gesichert werden?“, betont Dr. Thomas Schneider, Leiter des Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrums in Osnabrück .  

Der Verlag habe um diese „Deutungshoheit im demokratischen Sinne“ gekämpft, sagt er, mit einer bis dahin beispiellosen massiven Marketingkampagne. Dazu wurden gemeinsam mit dem Autor Textstellen politisch entschärft, um nicht als pazifistisches Werk zu gelten, weder „Anklage noch Bekenntnis“ zu sein. Doch allein das Zitat des Autors Walter von Molo auf dem Cover, „Remarques Buch ist das Denkmal unseres unbekannten Soldaten“, stellte eine „Provokation“ dar, betont Schneider. Als die Gegner der Weimarer Republik Ullsteins gesellschaftspolitische Absicht realisierten, sei das Meinungsbild auseinandergedriftet, sagt er. Vor dem Hintergrund der Debatte um Deutschlands Wiederbewaffnung und später der Weltwirtschaftskrise lieferte der Roman für die Publizisten aus dem extrem linken und vor allem aus dem extrem rechten politischen Lager genug Zündstoff, um die Diskussion für sich zu instrumentalisieren.

Der Ton der Debatte verschärfte sich bereits ab März 1929, die Angriffe auf den Autor wurden heftiger. Hinzu kam, dass Ullstein Remarque bewusst als Redakteur und nicht als „Schriftsteller von Beruf“ vermarktet hatte. Das Buch sollte den Charakter eines authentischen, schnell von der Seele geschriebenen Berichts eines traumatisierten Frontsoldaten haben. Auf die Marketinglegende um die Entstehung folgten Lügengeschichten der Nationalsozialtisten, um den Autor zu diffamieren. Nur eine davon war die Behauptung, sein Geburtsname sei eigentlich „Kramer“. Im „Völkischen Beobachter“ zweifelte Hans Zöberlein im August 1929 den Wahrheitsgehalt der Fronterlebnisse an und meint, das Buch sei „eine jauchzende Entschuldigung der Deserteure [...] und somit ein zweiter Dolchstoß an der Front, an den Gefallenen aber eine Leichenschändung“. Remarque, der angesichts des überwältigenden Erfolgs und kontroversen Medienechos mit neuen Depressionen zu kämpfen hatte, mischte sich nicht in die politische Diskussion ein. Diese Haltung warfen ihm wiederum Kommunisten vor.

1930 habe es, sagt Schneider, in Deutschland dann nur noch Rezensionen gegeben, die „Im Westen nichts Neues“ ablehnten: „Joseph Goebbels brauchte diese Stimmung zur Filmpremiere im Dezember 1930 nur zu revitalisieren.“ Goebbels organisierte mit seinen SA-Truppen Krawalle in Berlin. Darauf revidierte nach Anträgen von Landesregierungen die Film-Oberprüfstelle die Zulassung des amerikanischen Films wegen „Gefährdung des deutschen Ansehens“.

1931 zeigte sich dann Remarque anlässlich einer Protest-Kundgebung der Liga für Menschenrechte erstmals öffentlich als Pazifist. Es konnte aber nichts mehr daran ändern, dass das Filmverbot einen Anfang der verheerenden Niederlage der Demokraten in der Weimarer Republik gegenüber den Nationalsozialisten markierte.

Quellen u.a.: Hermann Ullstein: „Das Haus Ullstein“. Übersetzt von Geoffrey Layton. 304 Seiten, Ullstein Verlag 2013; Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“. Taschenbuchausgabe. Herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider. 464 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2014.