Gemälde von Adolph von Menzel „Das Eisenwalzwerk“: Epochenbild der sozialen Frage

Von Dr. Stefan Lüddemann | 06.01.2016, 07:00 Uhr

Wie spiegelt sich Historie in Meisterwerken der Kunst? Die Serie „Bilder und ihre Geschichten“ stellt Beispiele vor. Heute: Menzels „Eisenwalzwerk“.

Berlin. Die Schmiedehämmer dröhnen. Das glühende Eisen zischt. Die Hitze flimmert. In der Vereinigten Königs- und Laurahütte im schlesischen Königshütte schmieden Arbeiter eine Luppe, einen weißglühenden Eisenstrang, zu einer Eisenbahnschiene. Zwischen ihnen wieselt ein winziger Mann umher und zeichnet. „Ich schwebte dabei in steter Gefahr, gewissermaßen mitverwalzt zu werden. Wochenlang von morgens bis abends habe ich da zwischen den sausenden Riesenschwungrädern und Bändern und glühenden Blöcken gestanden und skizziert“, schreibt Adolph von Menzel später. Über 100 Skizzen fertigte er an, um zwischen 1872 und 1875 malen zu können, was es bis dahin nicht gab – ein Gemälde zur Industrialisierung, das „Eisenwalzwerk“. (Hier weiterlesen: Ein weiteres legendäres Bild von Menzel - das „Flötenkonzert von Sanssouci“).

Schweiß und Tränen

Käufer des knapp 1,60 Meter mal 2,60 Meter großen Bildes war der Bankier Adolph von Liebermann, Onkel des Malers Max Liebermann. Menzel überraschte Liebermann mit der Wahl des ungewöhnlichen Sujets. Der Maler hatte schon während der Pariser Weltausstellung von 1855 Bilder gesehen, die Industriearbeit thematisierten. François Bonhommé war auf diese Motive spezialisiert. Aber weder Bonhommé noch andere malen so radikal und direkt wie Adolph von Menzel, worum es in den neuen, zu Kathedralen des Industriezeitalters stilisierten Fabriken wirklich geht - um Schweiß und Tränen, 72-Stunden-Wochen und soziale Not. (Hier weiterlesen: Adolph von Menzel vor 200 Jahren geboren).

Harte Fakten einer neuen Wirklichkeit

Auch Liebermann spricht von der „Cyklopenwelt der modernen Technik“ und überhöht damit die Arbeitswirklichkeit mit Figuren aus der griechischen Mythologie. Aber der kleinwüchsige Maler überblickt auch die harten Fakten dieser neuen Wirklichkeit. Menzel zeichnet die Grundrisse der Industriehalle zentimetergenau nach, er skizziert Maschinen und Gerätschaften penibel wie ein Ingenieur. 3000 Arbeiter wuchten das glühende Eisen in dieser Hütte, die unter anderem 10000 Tonen Stahl für die Eisenbahn jährlich produziert. (Hier weiterlesen: Ikone der Revolution - „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix) .

Der Kleinwüchsige behält den Überblick

Menzel malt rund 40 der Arbeiter und eine auf den ersten Blick verwirrende Szenerie aus Schwungrädern, Walzen, Pleuelstangen, Hämmern, Öfen. Der Maler wirft aber nicht einfach das blanke Chaos auf die Leinwand, er ordnet das lärmende Geschehen nach den Harmoniegesetzen des Goldenen Schnitts, bezeichnet auf der leeren Leinwand mit Strichen die Horizontlinie ebenso wie Positionen und Größen wichtiger Figuren. Menzel mag neben einem muskulösen Arbeiter wie ein Zwerg wirken, aber er behält mitten im wahrhaft hitzigen Geschehen die Übersicht. Das gilt auch für die Raffinesse, mit der er nicht nur den dramatischen Moment fixiert, in dem das glühende Eisen von den Arbeitern mit Zangen gepackt und bugsiert werden muss. Menzel bringt auch die Phasen des Arbeitsalltages in das Bild. (Hier weiterlesen: Der Maler des Königs - Velázquez in Paris).

Alltag der Schichtarbeit

Dafür zeigt er links Arbeiter, die ihre verschwitzten Körper waschen, rechts Stahlwerker, die hinter einer primitiven Schutzwand ihre Mahlzeit einnehmen. Der Maler macht auf diese Weise Schichtarbeit zum Thema und öffnet den Blick für die Arbeitswelt, die so unablässig wie ein Schwungrad rotiert. „Das Eisenwalzwerk“ avanciert deshalb zum Epochenbild, weil es als Bild formuliert, was erst noch zum politischen Thema werden sollte – die soziale Frage. In Gerson Bleichenröders schlesischer Hütte sind die Arbeitsbedingungen hart. Es kommt zu Arbeiterunruhen, die von der Polizei niedergeschlagen werden. Menzel steht nicht nur am Schmiedeofen der Industrie, er blickt auch in den Hexenkessel kommender sozialer Konflikte. (Hier vweiterlesen: Rassistische Bildtitel? Meisterwerke in der Kontroverse).

„Heldenmut der Pflicht“

Sein Auftraggeber Liebermann muss das Bild übrigens bald nach dem Kauf selbst wieder veräußern. 1875 geht das Bild an die Berliner Nationalgalerie. Dessen Direktor Jordan preist den „Heldenmut der Pflicht“ als Motiv des Gemäldes, um den Kulturminister für den Ankauf zu gewinnen. Menzel verzichtet auf solche Poesie, er malt die Wirklichkeit seiner Zeit. (Hier weiterlesen: Was bringt das Kunstjahr 2016?) .