Flexible Frauen, starre Kerle: Osnabrück zeigt„Minna“ als das Stück zur Geschlechter-Debatte Lessings „Minna“ in Osnabrück

Von Daniel Benedict | 18.09.2011, 15:16 Uhr

Nach dem Festival Spieltriebe ist auch die eigentliche Eröffnungspremiere der Intendanz Waldschmidt absolviert: In Lessings „Minna von Barnhelm“ beobachtet Regisseur Frank Abt, wie der männliche Rollenkonflikt munter die Welt durcheinanderbringt. Wenn alles so gut wird wie dieser Klassiker-Abend, hat Osnabrück glückliche Jahre vor sich.

Im Parkett wird gehüstelt; ein Witzbold quatscht nervös dazwischen. Kein Wunder: So still und unbewegt haben die Osnabrücker Oliver Meskendahl noch nicht gesehen. Reglos steht er auf der Bühne. Und steht. Und steht. Als man ihm einen Stuhl unterschiebt, sackt er schief hinein, als würden Arme und Beine jemand anderem gehören. Er stiert ins Leere – und ist agil nur in den Abwehrgesten, mit denen er sich allem guten Zureden verweigert. Irgendwann entschließt er sich, die Bühne einfach zu verlassen, um gleich von den Kollegen zurückgeschleppt zu werden. Rumms, da habt Ihr Euren Helden!

Dieser Inbegriff handlungsunfähiger Erschlaffung ist Major von Tellheim, Lessings edelmütiger Kriegsheimkehrer. Schuldlos wurde er um Sold und Ehre betrogen; nun versauert er in Selbstzweifeln, die ihm die Liebe zu Minna von Barnhelm unmöglich machen. Obwohl sie für ihn genauso brennt wie er für sie. Immer enger senken sich schwarze Vorhänge um das Häuflein männlichen Elends herab. Und immer fantasievoller wird das Theater, das seine Braut Minna, ihre Kammerjungfer (Ellen Céline Günther), Tellheims Kamerad (Thomas Schneider) und sein Diener Just veranstalten, um den Major aus diesem Seeelenverlies zu locken. Hier ist ein Mensch erstarrt und bringt damit die übrige Welt zum Rotieren.

Der Begriff vom Theater ist dabei wörtlich zu nehmen: Die Ausstatterin Annelies Vanlaere etwa hängt ihre Stoffbahnen als ebenso prägnante wie variable Großmetapher auf die Bühne und macht keinerlei Anstalten, das Kulissenhafte der Bühnenarbeit zu kaschieren: Scheinwerfer stellt sie dem Publikum direkt vor die Nase. Auch die Schauspieler zerstören lustvoll die Illusion: Die Figuren beginnen das Stück schon damit, dass sie seinen Titel benennen. In Krisengesprächen bittet die Heldin das Publikum, schlichtend einzugreifen. Wo schon Lessing den Spiel-Charakter betont, verstärkt die Regie den Effekt noch und lässt Minna mit der Jungfer launig die Rollen tauschen.

Es ist kein Zufall, dass gerade die Frauen ihre Identität verändern. Schließlich knüpft Lessing – „Gleichheit ist das Band der Liebe!“ – emanzipatorische Ideen an sein Gelächter über einen Mann, der nur stark sein kann, wenn die Frau schwach ist. In dieser Lesart macht Frank Abt Tellheims Leiden an einem 250 Jahre alten Ehrbegriff zur Diagnose des gegenwärtigen Stands der Geschlechterdebatte. Da erscheint Stephanie Schadewegs Minna dann als Frau, die alle Zuschreibungen hinter sich gelassen hat, die flexibel zwischen Macht- und Dienerrolle wechseln kann und die über ein enormes Verhaltensrepertoire verfügt, mit dem sie den sturen Geliebten als Mann, als Kind, als Gegner und Partner umwerben, treiben, verhöhnen und trösten kann. Tellheim dagegen funktioniert nur in der Heldenrolle, ist nach ihrem Verlust zu nichts mehr zu gebrauchen und steht mitsamt seinem beschädigten Selbstbild allen im Weg rum. Den innerlich abgetretenen Mann auf irgendeine Weise wieder ins Spiel zu bringen – selbst das bleibt also an der Frau hängen. Ausgezeichnete Nebenfiguren greifen das Thema auf: Marcus Hering schildert als Wirt Männlichkeit als unkontrollierbar gieriges Reflexverhalten. Patrick Berg (Diener) zieht Frauenkleider an und zeigt – lustig! –, wie der männliche Rollenbruch in der Travestie endet. Das alles beschreibt ziemlich präzis den aktuellen Zustand der Geschlechterverhältnisse – nach einer Emanzipation, bei der sich nur die Frauen neu erfunden haben. So weit, so klug.

Der Rest im Schnelldurchlauf: Wie in „Tod einer Hündin“ erlebt das Große Haus eine schöne Kombination von Sprechtheater und Musik, wenn die Schauspieler zum Szenenübergang zarte Klavierakkorde anschlagen. Eine Songnummer von Minna gehört in ihrer Mischung aus Humor, Witz und Gefühl zu den schönsten Momenten. Raffiniert ist der Umgang mit dem gut gekürzten Text: Sprecherwechsel machen Nebensätze zu Pointen; Minnas Ring wird um eine wunderbar alberne Gravur erweitert. („Für imma, Minna!“), und wenn Tellheims „Gehen Sie, lassen Sie mich“ zum Refrain wird, erscheint die Figur als Verwandter von Allverweigerern wie Melvilles Bartleby und Kafkas Hungerkünstler. Trotz seiner intelligenten, aber leicht hingeworfenen Abstraktionsleistung gibt Abts Lustspiel auch denen noch was zu lachen, die nicht aufpassen können. Zum Beispiel weil sie – siehe oben – im Theater zwanghaft dazwischenquasseln!

Weitere Aufführungen: 27.9. 7. 10., 14.10. Kartentelefon: 0541/7600076