Ferdinand von Schirachs erster Roman verquickt Kriminalstory mit autobiografischen Aspekten Die Bundesrepublik und das Nazi-Erbe

Von Elke Schröder | 04.09.2011, 13:38 Uhr

Mit den Büchern „Verbrechen“ und „Schuld“ schrieb sich Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, in die Bestsellerlisten. In den Kurzgeschichten hat er Fälle aus der Welt des Verbrechens literarisch verarbeitet. Nun liegt sein erster Roman „Der Fall Collini“ vor, in dem er auch die Frage nach dem Einfluss des Zeitgeistes auf die Rechtsprechung aufwirft.

Eiskalter Mord im Berliner Luxushotel: Der Italiener Fabrizio Collini erschießt in einer Suite einen alten Mann – und traktiert sein lebloses Opfer mit Fußtritten ins Gesicht. Der Tote ist ein gesellschaftlich geachteter deutscher Industrieller. Casper Leinen, ein junger Anwalt, übernimmt den Fall als Pflichtverteidiger. Ferdinand von Schirach ist seit 1994 selbst als Strafverteidiger in Berlin tätig. Nach den ersten beiden Kapiteln ist der Konfliktstoff kühl, schnörkellos, in kurzen Sätzen dargelegt: Collini gesteht den Mord, schweigt aber über das Motiv. Bis zur Tat galt er als unbescholten. Ein Mord ohne Motiv? Das an sich wäre schon eine unerhörte Geschichte, reicht aber noch nicht: Im Rückblick wird klar, dass es eine für den Prozessverlauf unglückliche – da familiäre – Beziehung zwischen dem Opfer und Leinen gab. Ein starkes Stück – eigentlich. Es wird jedoch juristisch abgeklärt wegerzählt.

Es ist vorauszusehen: Der junge Anwalt muss sich in einem Prozess beweisen, der sich um NS-Verbrechen dreht. Das alles als Folge eines deutschen Justizskandals von 1968. Der Bundestag nickte damals ein „unscheinbares Gesetz“ ab, referiert Leinen, das aber rückwirkend seit 1960 die Verbrechen sämtlicher Nazi-Mittäter verjähren ließ. Die Vorlage kam vom damaligen Strafrechtler im Justizministerium Eduard Dreher, einem früheren NS-Staatsanwalt.

Von Schirach hatte auch einen persönlichen Antrieb, diesen Roman zu schreiben, verriet er in einem Interview. Er sei so oft nach seinem Großvater, dem NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, gefragt worden: „Ich hatte das Bedürfnis, einmal selbst etwas über den Nationalsozialismus zu schreiben oder genauer über das, was die Bundesrepublik mit diesem Erbe gemacht hat. Es fand eine ungeheure Verhöhnung der Opfer statt.“

Von Schirach weckt mit seinem Paukenschlag-Beginn enorme Erwartungen in Bezug auf weitere überraschende Wendungen und hat dann spürbar Schwierigkeiten, diese zu erfüllen. Die literarisch kurzatmige Liebesgeschichte zwischen Leinen und der Enkelin des Mordopfers wirkt da eher hilflos. Abrupt liefert der Autor die Auflösung für den Fall, die nachwirkt: Bevor wir Collinis Verhalten richten können, richtet dieser sich selbst. Eine verstörende Zwangsläufigkeit wird da inszeniert: ein erschreckend unaufgeregtes Ende angesichts des doppelten Verbrechens.

Ferdinand von Schirach: „Der Fall Collini“. Piper Verlag, 304 Seiten, 17,50 Euro.