Experten warnen vor Überforderung Kunstmuseen: Branche der Kultur vor dem Kollaps?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 14.12.2015, 18:47 Uhr

Die Schieflage der Bremer Weserburg steht symptomatisch für die Belastungen eines Kultursegments. Stehen die Kunstmuseen vor dem Kollaps?

Bremen. Folgt auf den „Kulturinfarkt“ nun der Museumskollaps? Mit ihrem Bestseller „Der Kulturinfarkt“ mischten Dieter Haselbach, Arnim Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz 2012 die Kulturszene auf. Ihre Forderung: Jede zweite Kultureinrichtung in Deutschland solle geschlossen werden, um Freiraum für Investitionen in Medienkultur zu gewinnen. (Hier weiterlesen: Willkommenskultur in der Kultur? Offene Häuser für Migranten gefragt). 

Wettlauf um neue Bauten

Im Oktober 2015 legte Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, nach. In Deutschland gebe es zu viele Kunstmuseen. Die Steigerungsspirale, die mit dem Wettlauf um neue Museumsbauten, höhere Besucherzahlen, Sponsorengelder und mediale Aufmerksamkeit immer schneller kreise, ruinieren am Ende das Museum als Institution. Vor allem die größeren Häuser verdienten als Bewahrer des kulturellen Erbes Schutz. Über die Schließung kleinerer Häuser müsse nachgedacht werden können, befand Lange. (Hier weiterlesen: Klarer Trend an der Weser - Kunsthalle Bremen bringt sich auf Kurs). 

Mehr Funktionen

Nicht nur mit dieser Forderung stieß die Stuttgarter Direktorin auf erwartbaren Widerspruch. Als wenig tauglich erweist sich vor allem ihre Einschätzung der Funktionen, die ein Kunstmuseum heute hat. Natürlich sollen Museen Kunstwerke bewahren und mit ihren Präsentationen Lesarten der Kunstgeschichte vermitteln. Aber dieser Zuschnitt reicht schon lange nicht mehr. (Hier weiterlesen: Prima Klima? Wie Kunstmuseen ihre Bilderschätze klimatisieren). 

Städtische Kontaktzonen

Ausgerechnet die vermeintlich nur bewahrende, auf die Vergangenheit ausgerichtete Institution Museum führt allerdings gegenwärtig den rasantesten Funktionswandel aller Kultursparten vor. Museen zeigen nicht nur selbstverständlich Kunst der Gegenwart, sie setzen überhaupt auf ein starkes Programm von attraktiven Wechselausstellungen. Die Bestände allein sichern nur wenigen Museen hinreichend Besucher und damit die Zukunft. Gerade Kunstmuseen avancieren seit Jahren zu städtischen Kontaktzonen, Wegmarken in urbanen Entwicklungskonzepten, zu Kreuzungs- und Treffpunkten mit einer Vielzahl von Angeboten von Bildung bis Gastronomie. Kaum eine ambitionierte Stadtentwicklung, die ohne ein zugkräftiges Kunstmuseum auskäme. (Hier weiterlesen: Digitale Kommunikation - Museen und ihre Blogs). 

Museen gewinnen neue Bedeutung

In dieser Expansion der Museen liegt ein Bedeutungszuwachs – und der Keim für einen zermürbenden Konkurrenzkampf. Derzeit entscheidet sich, wer diese Entwicklung mitgehen kann. Die Veränderungen der Kunsthäuser über Anbauten oder interne Umwidmungen sind nur Ausdruck jener Aktivitäten, die künftige Akzeptanz sichern helfen sollen. Ob zugkräftige Wechselausstellungen, neue Sammlungspräsentation, Sponsorenkontakte, Besuchergewinnung oder mediale Präsentation – die Agenda ist umfangreich. (Hier weiterlesen: Eduard von der Heydt - der Museumsstifter auf dem Monte Verità) .

Arbeit an der besseren Zukunft

Häuser wie die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf oder die Kunsthalle Bremen liefern derzeit beste Beispiele für signifikante Entwicklungsschübe in allen diesen Bereichen. Die Krise der Bremer Weserburg verweist auf diverse Schwachpunkte. Vor allem die Hausphilosophie als Sammlermuseum scheint in die Jahre gekommen zu sein. Aber auch Raumkonzept und Publikumsansprache bedürfen der Verbesserung. Gibt es also zu viele Museen? Nein, aber viele, die längst an ihrer besseren Zukunft arbeiten.