„Es werden zahlreiche Stammesfehden ausgetragen“ Interview mit dem Medienphilosophen Peter Weibel

Von Tom Bullmann | 19.04.2012, 19:53 Uhr

Heute beginnt im Haus der Jugend der EMAF-Kongress „Rethink“. Einer der prominentesten Teilnehmer ist Peter Weibel, Künstler, Kurator, Kunst- und Medientheoretiker und Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Um 15.30 Uhr hält er einen Vortrag zum Thema „Media Art – Quo vadis?“ Wir sprachen mit ihm über Aufgaben und Chancen der Medienkunst.

Herr Weibel, sind wir am Siedepunkt der globalen Vernetzung angelangt? Kocht der mediale Kommunikationstopf über?

In den 60er-Jahren hat Marshall McLuhan schon von einem „Global Village“ gesprochen mit einer weltweiten Stammesgesellschaft. Jetzt zeigt sich, dass es kein friedliches Dorf geworden ist. Es werden zahlreiche Stammesfehden ausgetragen. Durch die Vernetzung der Systeme sind Konfliktzonen entstanden: religiöse, wirtschaftliche, gesellschaftliche. Vor 30 Jahren hätte sich niemand auch nur im Traum vorstellen können, dass in der Kirche heute über homosexuelle Priester gesprochen wird. Alte Werte werden infrage gestellt, der Begriff Eigentum hinterfragt. Es entstehen neue Parteien wie die Piraten mit ganz neuen Ideen. Das heißt, dass bisher für stabil gehaltene Pfeiler der Gesellschaft sich verändern, zusammenbrechen.

Welche Vorteile bringt die Entwicklung?

Eine unglaubliche Mobilisierung und Personifizierung der Medien. Wenn man früher Bilder sehen wollte, musste man rausgehen: in Kirchen, in Museen. Dann kam die Fotografie, das Radio, Fernsehen. Man konnte zu Hause konsumieren. Schließlich ermöglichten das Transistorradio und das Autoradio Mobilität. Durch die Konvergenz von Internet und TV können wir heute immer und überall fernsehen. Und während man früher nehmen musste, was einem im Kino geboten wurde, kann man jetzt aus Tausenden Filmtiteln seine persönlichen Wünsche aussuchen.

Birgt das nicht das Risiko, dass der Mensch mit diesem omnipräsenten Angebot überfordert ist?

Richtig. Daher ist es die Aufgabe der Bildungsgesellschaft, die Bürger in die Lage zu versetzen, mündig damit umzugehen. Das Problem ist, dass die Politik 50 Jahre hinter den technischen Innovationen hinterherhinkt.

Welche Aufgabe kommt in diesem Konfliktfeld der Kunst zu?

Die Kunst hat zwei Aufgaben: Sie muss warnen, Alarmsignale senden. Und sie muss Beispiele geben, wie es gut oder besser funktioniert. Beides leistet die Medienkunst.

Welchen Herausforderungen müssen sich Medienkünstler in Zukunft stellen?

Sie müssen den Schritt von der Logik der Produktion zur Logik der Distribution vollziehen. Früher malte ein Künstler ein Bild, ein einmaliges Kunstwerk. Wenn er bekannt wurde, musste er ganz viele Bilder im gleichen Stil malen, um die Nachfrage zu befriedigen. Das ist heute nicht mehr nötig. Sehen Sie sich Facebook an. Das ist ein Distributionsnetz. Das geht mit einem Wert von 20 Milliarden Dollar an die Börse. Aber da stimmt doch was nicht, denkt man, die verkaufen kein einziges Produkt, die haben nur Teilnehmer, Mitglieder, User. Das ist die Tendenz. Die historische Aufgabe der Kunst ist es heute, mit der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung in die Logik der Distribution einzusteigen.