Eröffnungskonzert in St. Marien Morgenland Festival 2016: Ungewöhnliche Klänge zum Start

Von Ralf Döring | 03.09.2016, 00:30 Uhr

Das Morgenland Festival Osnabrück ist in seine zwölfte Runde gestartet. Mit dabei: bewährte Institutionen und ein Theremin.

Magische Momente brauchen kein Brimborium. Deshalb geschieht der magische Moment beim Eröffnungskonzert des zwölften Morgenland Festivals Osnabrück, als schlichte Klänge das gotische Kirchenschiff von St. Marien erfüllen: leere Quinten einer Geige. Ein gesungener Basston. Eine Frauenstimme. Von hinten nähern sich die Stimmen, aus dem Chorumgang die Geige. Der Bass wird zum Bariton, der Bariton schwebt nacht oben: Es ist Kai Wessel, der Countertenor, der hier die Skala der männlichen Stimme von unten nach oben gleitet. Gleichzeitig erkundet er die Arabische Musik mit ihren Ornamenten und ihren Mikrotönen, spricht durch seine Musik mit der syrischen Sängerin Dima Orsho, einer Frau mit charismatischer Ausstrahlung und mit noch mehr Charisma in ihrer Stimme. Und beide korrespondieren mit der Geige von Lenka Zupkova; am Ende ihres musikalischen Wandels treffen sich die drei vor dem Altar.

Brechts Worte auf unsere Zeit

Es ist dies der ergreifendste und der echteste Moment des Abends. Und der geht noch weiter: Wessel und Orsho rezitieren Gedichte von Bertolt Brecht auf Deutsch und Arabisch, Zupkova und der Geiger Jehad Jazbeh greifen die Stimmung in novembergrauen Improvisationen auf. Denn die Brechts Gedichte erzählen von den schlechten Zeiten und wie der Mensch damit umgeht. Worte von deprimierender Gültigkeit, in diesen Tagen.

Festivalchef Michael Dreyer geht darauf kurz in seiner Eröffnungsrede ein: Dass seit 2011, seit Ausbruch des Krieges in Syrien, die Frage im Raum stehe, ob Musiker, syrische Musiker, angesichts des schrecklichen Kriegs in ihrer Heimat in Osnabrück einfach Musik machen dürfen. Brecht stellt die Frage ebenfalls - und gibt eine Antwort: „In den finsteren Zeiten / Wird da auch gesungen werden? / Da wird auch gesungen werden. / Von den finsteren Zeiten.“ 

 Die Sängerin Dima Orsho und der Countertenor Kai Wessel 

Eine traurige Komposition von Dima Orsho trägt diese Stimmung weiter, ein musikalisches Mischwesen, das mit Wessels Counterstimme wie eine barocke Lamento-Arie anhebt und durch Dima Orshos fremdartig gefärbte Altstimme eine positive, für unsere Ohren exotische Irritation erfährt. „Die an den Ufern des Euphrat Vergessenen“ steht über dem Stück; es erzählt von Verlust und müder Trauer, und das transportiert auch das Morgenland Chamber Orchestra unter dem türkischen Dirigenten Naci Özgüc.

Es ist dies indes tatsächlich der Kontrast in einem Konzertteil, der in großen Teilen auch fröhlich und voller Elan daher kommt. „Dabke“ von Kareem Roustom fetzt in rasanten Rhythmen des Nahen Ostens zu Beginn des zweiten Konzertteils; das festivaleigene Projektorchester präsentiert sich da wacher denn je. Geiger Maias Alyamani steuert zwei Kompositionen und hochvirtuose Geigensoli bei, das Darbouka-Wunder Rony Barrak begeistert mit einem Percussion-Solo, bei dem er einmal mehr mit allen zwölf Fingern und seinen drei Händen eine Vielfalt und Komplexität entwickelt, die immer wieder unbegreiflich und packend ist.

Eingebettet ist dies in den Sound des Morgenland Chamber Orchestra, das diesmal um Mitglieder des Syrian Expat Philharmonic Orchestra erweitert ist. Das Festival setzt damit einen soziokulturellen Akzent: Die Kooperation bringt die Musikerinnen und Musiker aus Syrien in Kontakt mit Musikern, die in ihrem neuen Leben im Westen schon ein, zwei, Schritte weiter sind.

Gleichzeitig ist das Morgenland Festival immer ein Ort des Experiments gewesen. In diesem Fall ist es der erste Teil des Konzerts, in dem eigentümliche Töne  von einer eigentümlichen musikalischen Partnerschaft künden: Theremin trifft Oud. Die beiden gegensätzlichen Instrumente können gut verschmelzen, da sich der sphärisch flötende Ton des Theremins flexibel in die Klangfarben und Tonskalen der orientalischen Musik einfügt. Trotzdem herrscht ein gewisses Ungleichgewicht zwischen Caroline Eyck und ihrem Partner an der Oud, Aktham Abou Fakher. Erst ganz zum Schluss bekommt er Raum für eine ausgedehnte Improvisation – über eine bestechende Technik verfügt der Musiker jedenfalls. So oder so: Das Publikum war einmal mehr überwältigt vom Morgenland Festival Osnabrück.