„Er war Jekyll und Hyde“ Planet Picasso: Der Mensch

Von Dr. Stefan Lüddemann | 01.03.2014, 08:00 Uhr

Was für ein Mensch war Pablo Picasso? Markus Müller vom Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster antwortet in der zweiten von drei Folgen eines Interviews zum Thema „Planet Picasso“.

Picasso hat sich das Leben gierig einverleibt, gleichzeitig war er abergläubisch bis zur Ängstlichkeit. Was für ein Mensch war Picasso?

Picasso war Jeckyll und Hyde in einer Person. Er war eine komplexe Persönlichkeit. Ich habe das Privileg, Familienmitglieder und Zeitzeugen Picassos zu kennen. Deren Aussagen sind denkbar widersprüchlich. Auf die Frage: Mögen Sie Picasso?, wird niemand mit Ja antworten, sondern sagen, ich mag den Picasso der und der bestimmten Periode. Das zeigt, wie facettenreich diese Persönlichkeit war. Es gab auch einen altersmilden Picasso, allerdings wies der junge Picasso Züge des Sadismus auf. Picasso war allerdings geizig. Er versteckte Geld unter den Böden seiner Häuser, verschenkte aber auch Bilder und damit Millionenwerte an Leute, die ihm nahestanden. Das alles macht es schwierig, auf die Frage nach Picassos Persönlichkeit mit einfachen Antworten zu reagieren.

Picasso hat immer wieder das Thema des Todes behandelt. Hat sich Picasso von seiner Todesfurcht aus definiert?

Es gibt die psychologische Erklärung, dass Kreativität etwas zu tun hat mit der Kompensation von Todesangst. Picasso hat in der Tat in späteren Jahren die Konfrontation mit dem Tod gemieden. Die direkte Auseinandersetzung mit dem Tod findet bei Picasso nicht statt, es sei denn durch das Motiv des Stierkampfes, aber da geht es um den Tod einer Kreatur. Kurz vor seinem Tod hat er ein vermeintliches Selbstbildnis gemalt, in dem er sich als Knochenmann zeigt. Bei diesem Bild scheint es so, dass er über die letzten Dinge reflektiert. Aber seine enorme Kreativität hat sicherlich etwas zu tun mit seiner tiefen, kreatürlich gefühlten Angst vor dem Tod. Am Vorabend seines Todes grundiert Picasso noch eine Leinwand. Er ist besessen von der Arbeit und er weiß, dass das Ende der Arbeit den Tod bedeutet. Man kann sich Picasso einfach nicht als Rentner auf dem Golfplatz vorstellen.

Nicht nur Picassos Kunst fasziniert, sondern auch sein Leben. Hat er die Kunst verstanden, sein Leben ästhetisch zu überhöhen?

Picasso hat sich als der permanent kreative Mensch perfekt inszeniert. Er hat mit der Kamera nicht nur kokettiert. Er ist derjenige, der bei Fotos Regie führte - als Meister der medialen Selbstinszenierung. Das gilt auch für die Fotos berühmter Picasso-Fotografen wie David Douglas Duncan. Das Leben als Kunstwerk: Das gab es schon bei den Dandys des 19. Jahrhunderts. Picasso hat das aber überboten, nicht nur, weil er der am meisten fotografierte Künstler des Jahrhunderts war. Dabei handelt es sich um keine Schnappschüsse. Picasso hat immer die Kontrolle behalten.

Das gilt auch für das Foto von Picasso in der Badewanne?

Das ist ein typisches Beispiel. Denn es war Picasso, der Duncan dazu aufforderte, die Tür zum Bad zu öffnen und ihn so zu fotografieren. Der Fotograf ist auch in dieser Situation Erfüllungsgehilfe. Das erinnert natürlich an absolutistische Herrscher, die erlaubt haben, beim Aufstehen des Königs dabei zu sein. Picasso war ein Meister darin, sich zu verkleiden, zu posieren. Das hat er vielen Künstlern voraus. Und er wird nie überrascht. Auch bei den Fotografien ist er derjenige, der seine eigene Biografie mit schreibt.