„Er ist der große Zerstörer“ Planet Picasso: Der Jahrhundertkünstler

Von Dr. Stefan Lüddemann | 28.02.2014, 08:00 Uhr

Warum war Pablo Picasso der Jahrhundertkünstler? Markus Müller vom Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster antwortet in der ersten von drei Folgen eines Interviews zum Thema „Planet Picasso“.

Pablo Picasso wird immer wieder als Jahrhundertkünstler apostrophiert. Verdient er diese Bezeichnung - auch heute noch?

Es ist zu einem geflügelten Wort geworden. Ein französischer Biograf sprach vom „Jahrhundert Picassos“. In dem legendären Film „Jules et Jim“ von Francois Truffaut arbeitet der Regisseur in entscheidenden Sequenzen mit Bildern Picassos. Er hat das Jahrhundert wie kaum ein anderer Künstler allein schon durch die Dauer seines Lebens geprägt. Er ist unangefochten Jahrhundertkünstler. Aber es gibt natürlich auch einige andere.

Welche wären das?

Spontan gesagt: Henri Matisse und, was die Folgen für die Kunstgeschichte angeht, Marcel Duchamp.

Picasso hat von der Rosa Periode bis zu seinem umstrittenen Alterswerk viele Werkphasen durchlaufen. Welche dieser Phasen steht uns heute besonders nahe - und warum?

Der Kubismus ist sicher die folgenschwerste Entwicklung bei Picasso. In seiner Konsequenz und Radikalität ebnet er den Weg für alles, was in der Kunst folgt. Das Bild ist kein Illusionsraum mehr, der eine dritte Dimension vorgaukelt . Kunsthistoriker haben diese Entwicklung mit der Relativitätstheorie Albert Einsteins verglichen.

Picasso gilt als Inbegriff der Kreativität. Aber hat er oft nicht einfach nur von Künstlerkollegen profitiert?

Es gibt den schönen Satz von Picasso: Kleine Künstler kopieren, große Künstler stehlen. Das Frühwerk ist von Toulouse-Lautrec und anderen inspiriert. Picasso gibt das zu, sagt aber, dass man niemals ein Werk von ihm für ein Werk Toulouse-Lautrecs gehalten habe. Das heisst , dass er immer assimiliert, dass er aus Fremdem eigene Kunst macht. Hinzu kommt, dass Picasso wie ein Reisender durch alle Stile fährt. Man hat ja von einem Don Juanismus der Stile bei ihm gesprochen. Überall setzt er sich an die Spitze oder nimmt sich heraus, was er für sein Werk braucht. Er hat mit dem Surrealismus kokettiert. André Breton hätte ihn gern als Galionsfigur für diese Bewegung gewonnen. Aber Picasso nimmt sich nur, was er braucht. Das Gleiche gilt für den Klassizismus. Picasso hat fast eine Karikatur des Klassizismus geliefert. Er ist stets auf den fahrenden Zug aufgesprungen, um dann aber mindestens Lokomotivführer zu werden.

Welche von Picassos Innovationen wirken weiter?

Ernest Hemingway legt Picasso bei der Befreiung von Paris eine Kiste Dynamit auf die Treppe und schreibt auf einem Zettel: Dem größten Sprengmeister in der Kunst des Jahrhunderts. Picasso ist der große Zerstörer. Große kreative Köpfe müsse zerstören, mit Traditionen brechen. Insofern ist er ein großes Vorbild für Künstlertum, weil er zeigt, dass es keine lineare Entwicklung in der Kunstentwicklung geben muss. Man kann auch mit strengen Zäsuren leben und sich als Künstler neu erfinden. Picasso zeigt, dass Künstler nicht in Stilroutine verfallen dürfen. Daran muss sich jeder Künstler nach Picasso messen lassen. Picasso hatte die unerhörte Fähigkeit, sich selbst zu widersprechen, notfalls sogar in einem Bild.