Einzige Frau unter Stararchitekten Alles im Fluss: Zaha Hadid war „Königin der Kurve“

Von Dr. Stefan Lüddemann | 01.04.2016, 14:56 Uhr

Sie hat die Architektur das Tanzen gelehrt: Zaha Hadid. Die Architektin war einzige Frau unter den Stararchitekten der Welt. Jetzt starb sie mit 65 Jahren.

Bei ihr sieht die Luxusyacht so aus wie das Sportstadion oder eine Schuhkreation: Zaha Hadid hat mit ihren Entwürfen harte Dinge in einem Rausch aus Kurven aufgelöst. Dabei ließ sie sich ebenso von der Ästhetik des Sneakers ebenso leiten wie von den fließenden Formen der Natur. Ob der brasilianische Architektur-Visionär Oscar Niemeyer ihr Vorbild war? Zumindest war der 2012 im Alter von 104 Jahren verstorbene Schöpfer von Brasilia Hadids großer Bruder im Geist einer Baukunst als Fanal der Ausgelassenheit und Lebensfreude. „Königin der Kurven“: Die aus Bagdad stammende britisch-irakische Architektin wird sich in diesem, nach despektierlicher Bemerkung klingendem Spitznamen wiedererkannt haben. Hier weiterlesen: Zaha Hadid - ihr Leben.

Einzige Weltarchitektin von Rang

Hadids bestürzend früher Tod im Alter von nur 65 Jahren beraubt die Riege der weltweit operierenden Labelarchitekten nicht nur ihrer einzigen Frau von Rang, er markiert womöglich auch einen Epocheneinschnitt in der Geschichte der zeitgenössischen Baukunst. Hadid hat sich mit spektakulären Entwürfen am Rande der Realisierbarkeit unter Alpha-Kollegen wie Frank O. Gehry, Daniel Libeskind, Jean Nouvel oder Peter Eisenman nicht nur behauptet, sondern auch ihr eigenes Paradigma gesetzt. Hadid lehrte Bauwerke das Fliegen und Fließen - sogar mehr als der Splitter-Architekt Gehry. Hier weiterlesen: Aufgabe der Architekten - gebaute Alltagsrealität verbessern.

Start mit Blitzschlag

Hadids Bauten dementieren jeden Verwendungszweck. Ihre spektakulären Formen machen sie zu Ereignissen in einer Welt, die in den Kategorien übertrumpfender Steigerung denkt. Schon mit ihrer Feuerwache für das Vitra-Werk in Weil am Rhein sorgte Hadid für einen Paukenschlag. Ein Gebäude wie ein Blitz: Mit seiner Zackenkontur war dieses kleinere Bauwerk umgehend in aller Munde - und seine Architektin gleich mit. Hadid reihte ihre weiteren Projekte zu einer Kette der Sensationen. Ihre Bergstation für die Hungerburgbahn bei Innsbruck besitzt die Eleganz eines transparenten Falters, ihr „phaeno“-Wissenschaftszentrum in Wolfsburg die Wucht eines aufgestelzten Raumgleiters, ihr Opernhaus im chinesischen Guangzhou die Majestät eines treibenden Eisbergs. Zaha Hadid hat mit ihren Bauten gezeigt, wie Architektur buchstäblich die Welt verändern kann. Hier weiterlesen: Künstler als Architekten - Entwürfe im Museum Marta in Herford.

Kontroverse um das Maxxi

Zu ihren Projekten gehörten, wie bei anderen Stararchitekten auch, natürlich die Skandale und Kontroversen. Vor allem das Maxxi, das 2010 eröffnete Museum für moderne Kunst in Rom, sorgte für erregte Debatten. Kritiker nannten das Gebäude mit seinen Rampen, Schrägen und welligen Wänden schlicht unbespielbar. In der von Antike und Barock geprägten „Ewigen Stadt“ setzte das schneeweiße Hyper-Haus vielleicht gerade mit seiner extremen Gestalt einen so deutlichen Akzent. Bauherren, die Zaha Hadid engagierten, wollten den Effekt. Hadid hat nicht nur mit dem Maxxi in dieser Hinsicht Wort gehalten. Hier weiterlesen: Klassiker der Baukunst - Daniel Libeskinds Felix-Nussbaum-Haus .

Ende der Label-Architektur?

Der Tod, der mit Pritzker-Preis, dem inoffiziellen Nobelpreis der Architektur, und dem Praemium Imperiale dekorierten Zaha Hadid wirft allerdings auch die Frage auf, ob gerade die von ihr spektakulär mit vertretene, global funktionierende Label-Architektur an ein Ende ihrer größten Ausdehnung gekommen ist. Die Effekte der weltweit platzierten Hingucker-Bauten haben sich abgeschliffen. Zudem verschiebt sich der Fokus der Baukunst - weg von Renommierstücken wie Sportstadien oder Kongresszentren, hin zu Beispielen eines neuen sozialen Bauens. Gleichviel. Zaha Hadids Bauten stürmen, wirbeln, fliegen weiter - wie Raumgleiter, die aus ferner Zukunft zu uns gekommen sind. Hier weiterlesen: Kunst-Weltstar Thomas Schütte baut eigene Ausstellungshalle.

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