Einmal Metalhead, immer Metalhead Wacken 3D: Was taugt der Kinofilm?

Von Marcus Tackenberg | 23.07.2014, 09:18 Uhr

Seit 25 Jahren pilgern Metalfans aus aller Welt in die schleswig-holsteinische Pampa, um dem archaischen Motto „Music, mud and magic“ zu frönen. Wacken heißt das Phänomen – so wie das 2000-Seelen-Nest, in dem es stattfindet. Wer kein Ticket mehr bekommen hat, muss sich nicht ärgern. Im Kino ist man jetzt mittendrin: „Wacken 3D“ macht’s möglich.

Aber lohnt sich tatsächlich ein Doku-Film über Menschen, die mit Gejohle ihren Höllen-Gitarrensound durch zwölf schrankgroße „Marshall“-Verstärker von der Bühne blasen? Typen, die morgens beim Frühstück im Darth-Vader-Kostüm ihre erste Dose Bier aufmachen? Die in der Inneren Mongolei aufbrechen, um sich ihren großen Traum beim Nachwuchs-Wettbewerb „Metal Battle“ zu erfüllen? Die sich halb nackt im Schlamm wälzen und dabei ekstatisch ihre langen Haare schütteln? Die alles dafür tun, damit ein familiäres Festival mit 75000 Besuchern das friedliche Mekka aller Headbanger bleibt? Fünfmal eindeutig ja!

„Wacken 3D“ ist weit mehr als ein musikalischer Trip ins metallische Universum. Der neue Film von Regisseur Norbert Heitker betrachtet wie durch ein faszinierendes Kaleidoskop mit ethnologischem Forscherblick, Respekt, Gefühl und Humor eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die gewisse Codes und Rituale miteinander teilen, Aggressionen abbauen, statt sie zu suchen, und an vier Tagen zu einer großen Community mit ihren Idolen auf der Bühne verschmelzen. Idole, die sich wie Lausbuben darüber freuen, dass sie nach 30 Jahren im Geschäft noch am Leben sind. Scott Ian etwa von Anthrax: „I am a fucking grown man who plays guitar in a heavy metal band“. Noch Fragen? „Einmal Metalhead, immer Metalhead“.

Kaum eine andere Musikrichtung ist identitätsstiftender, intensiver und beständiger. Da bringt der bierplauzige Vater irgendwann seinen schmächtigen Sohnemann mit nach Wacken – quasi als Initiation zum Erwachsenwerden. Da lernen die Newcomer von den alten Haudegen, wenn etwa die Mannen von Anvil backstage am gemeinsamen Biertisch den an ihren Lippen hängenden Bewunderern erklären, dass du dir selbst immer treu bleiben musst, egal wie hart der Weg auch ist. Da haben scheinbar beinharte Death-Metal-Fans plötzlich Tränen in den Augen, wenn geradezu hippieske Altrocker wie Deep Durple mit der Rockhymne schlechthin, „Smoke on the water“, ihr Konzert beginnen.

All das fangen Heitker und sein 140-köpfiges Team eindrucksvoll ein. Mit 18 Kamerateams verfolgte die Gruppe im vergangenen Sommer vier Tage lang Musiker, Veranstalter, Helfer, Einheimische und natürlich die Fans in Wacken. Entstanden sind dabei sehr persönliche Interviews, interessante Porträts, grandiose Bilder und absurde Szenen. Etwa wenn die „Wackinger“ das Freibad im Dorf erobern und zu den Klängen der örtlichen Blaskapelle tanzen oder der überdimensionale Wacken-Schädel über der Hauptbühne entzündet wird und ein Heer von Metal-Jüngern die Teufelsfaust in den Himmel reckt.

Die 3-D-Technik ermöglicht zum Greifen nahe Momente: Da flattert das Konfetti buchstäblich in den Kinosaal, als Höllenfürst Alice Cooper seinen großen Hit „Schools out“ anstimmt, da sorgen Rammstein mit ihrer bombastischen Pyro-Show samt Feuerfontänen für Gänsehaut-Feeling und verzückt schließlich die Matsch-Orgie in Zeitlupe mit der dazu ertönenden Arie „Un bel di vedremo“ aus der Puccini-Oper Madam Butterfly. Herrlich! Zumal auch der Sound stimmt. Der wurde nachträglich in Tonstudios teils mit den Musikern höchstpersönlich bearbeitet.

Wacken 3D: Regie: Norbert Heitker; Deutschland 2014; 96 Minuten; FSK: Ab 6 Jahre