Edlef Köppen gelang mit „Heeresbericht“ ein geniales Buch Im Schnellfeuer expressiver Satzfetzen

Von Dr. Stefan Lüddemann | 11.04.2014, 08:00 Uhr

In unserer Serie mit Antikriegsromanen stellen wie Edlef Köppens „Heeresbericht“ von 1930 vor.

Osnabrück. „Eine intensive Sehnsucht überkam ihn, nach vorn, nach vorn!“, heißt es, als der Kanonier Adolf Reisiger zum ersten Mal das dumpfe Geschützgrollen der Front hört. Vierhundert Romanseiten später schreit der inzwischen zum Leutnant Avancierte nur: „Ich, ich, ich mache den Krieg nicht mehr mit [...] dieses sinnlose Verbrechen.“ Dazwischen liegt die Geschichte einer schonungslos sezierten Desillusionierung.

 Edlef Köppens Roman „Heeresbericht“ erscheint 1930, ein Jahr nach Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ . Remarques Klassiker besitzt als der Antikriegsroman des 20. Jahrhunderts Weltruhm, Köppens Text ist weithin vergessen. Aber hat der Rundfunkjournalist und Verlagslektor nicht den stärkeren Roman über den Ersten Weltkrieg geschrieben?

Köppen zieht 1914 als Freiwilliger in den Krieg. Im gleichen Jahr erleidet er eine Lungenquetschung, an deren Spätfolgen er 1939 im Alter von nur 45 Jahren sterben wird. Der in Genthin geborene Köppen reüssiert in den Zwanzigerjahren in Verlagen und Rundfunkstationen. Die Nationalsozialisten setzen den Anti-Kriegs-Autor unter Druck. Köppens Berufsleben scheitert, „Heeresbericht“ landet auf dem Index der im Dritten Reich unerwünschten Schriften. Köppen ist ein verfemter Autor.

„Heeresbericht“: Das klingt mindestens so trügerisch neutral wie „Im Westen nichts Neues“. Doch Köppen reißt seine Leser mitten in das Gefecht. „Maschinengewehre zwischen die schlagenden Beine der Pferde, [...] Schrapnells vor die Brust, Granaten unter den Bauch, Bündel schwefelgelber Stichflammen [...] Fontänen armdick Blut und Gedärme, hoch geschleudert Glieder und Rümpfe“: Mit expressiv zerhackter Schnellfeuersprache hämmert Köppen das blutige Kriegsgeschehen in die Köpfe seiner Leser. Der Autor kämpft den Krieg, den er selbst miterlebte, noch einmal – jetzt aber als Kampf um maximale literarische Wirkung. Köppen formt seine Sprache so roh und ruppig, dass sie zum verbalen Äquivalent brutaler Vernichtung wird .

Aber der Autor Köppen kann noch mehr. Er schreibt im Vergleich zu Remarques „Im Westen nichts Neues“ deshalb den moderneren Roman, weil er es nicht dabei belässt, atemlos aus der Perspektive des Soldaten Reisiger zu erzählen. Köppen kombiniert den packenden Bericht mit Erzählungen seiner Figuren, die den Strom des eigenen Bewusstseins sprechen. Und er montiert zeitgenössische Dokumente wie Verlautbarungen der Obersten Heeresleitung, Regierungsmitteilungen oder Manifeste und Aufrufe in seinen Text. Sogar eine Speisekarte der Silvesterfeier 1914 im Berliner „Central-Hotel“ montiert er in seinen Roman. So entsteht eine Textcollage von beißend ironischer Wirkung. Edlef Köppen erweist sich mit seinem Montageroman als moderner Autor.

Köppens Mutter sammelte Zeitungsberichte, sein Vermieter beschaffte Dokumente aus dem Heeresarchiv Potsdam. Mit seiner Montage konfrontiert der Autor das soziale Oben und Unten des Kriegsgeschehens. Nachdem Kaiser und Militärs den Krieg als Beleg der Einigkeit aller Deutschen im Zeichen des Burgfriedens gefeiert haben, entlarvt der Roman dieses Konstrukt als Lüge. So disparat wie die Textteile des Buches verhalten sich auch Interessen und Betroffenheiten der am Krieg beteiligten Menschen. Damit erreicht Köppen genau jene gesellschaftliche Überschau, die andere Antikriegsromane nicht bieten – und eine Schärfe der Kritik, die über jeden pazifistischen Appell hinausgeht. „Heeresbericht“ ist der stärkste deutsche Roman gegen den Ersten Weltkrieg – auch im Vergleich zu „Im Westen nichts Neues“.

Edlef Köppen: Heeresbericht. Roman.400 Seiten. Nicol Verlag. 8,99 Euro

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