Düsseldorf zeigt Sieverdings Foto-Zyklus „Stauffenberg-Block“: Fanal der Erinnerung

Von Dr. Stefan Lüddemann | 29.07.2014, 09:00 Uhr

Sie hat sich selbst direkt ins Gesicht gesehen und das lange vor der Ära der Selfies – die Künstlerin Katharina Sieverding. Pünktlich zum 70. Jahrestag des Hitler-Attentats ist ihr „Stauffenberg-Block“ von 1969 wieder zu sehen.

Was haben die 16 glutroten Porträts mit dem am 21. Juli 1944 hingerichteten Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu tun? Eigentlich nichts – und doch alles. Dabei zeigt die im Jahr des misslungenen Attentats auf Hitler geborene Künstlerin Katharina Sieverding in diesen Bildern nicht von Stauffenberg, sondern sich selbst. Das gilt auch für die Bildzyklen „Maton Solarisation“ (1969) und „Transformer Cyan Solarisation“ (1973/74), insgesamt 42 großformatige Fotos, die Sieverding jetzt für die „K 21“, das Museum der Gegenwartskunst der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, neu inszeniert hat.

Allein der „Stauffenberg-Block“ bringt es bei klassischer Hängung auf klotzige vier mal zwölf Meter. Sieverding, die allein dreimal auf der Kasseler Documenta vertreten war, hängt ihre Fotos nicht, sie lehnt sie an die Wand. Damit treten die mannshohen Bilder dem Betrachter wie Fanale einer radikal aufklärerisch gemeinten Kunst entgegen. Gerade die Stauffenberg-Serie entfaltet auf diese Weise ungeheure Wucht. Denn jedes dieser eng angeschnittenen und durch Überbelichtung unwirklich veränderten Porträts lodert wie der Brand der Sonne, flackert wie eine Vulkanfontäne. Sieverding transformiert die Porträts zu einer Flammenschrift an der Ausstellungswand.

Diese Assoziation führt zum eigentlichen Anliegen dieser Bildserie. Sicher, Sieverdings Bilder gehören in den Kontext einer neuen Erforschung des Subjekts, erst recht hin zu jener Selbsterforschung der Frau und ihrer Stellung in der Gesellschaft, die Ende der Sechzigerjahre den Zeitgeist mitgeprägt hat. Auf Sieverdings Zyklus von 1969 folgen in den Siebzigern die Selbsterkundungen im fotografischen Selbstbildnis, die etwa Jürgen Klauke und Cindy Sherman entwickelt haben. In der Literatur flankierten autobiografische Schreiberkundungen diesen Trend, zum Beispiel Verena Stefans „Häutungen“ (1975) oder Brigitte Schwaiger mit ihrem Bestseller „Wie kommt das Salz ins Meer?“ (1977).

Katharina Sieverding setzt mit ihrem „Stauffenberg-Block“ schon 1969 den Trend. Im Jahr des Regierungsantritts von Willy Brandt sind die drei Auschwitz-Prozesse gerade erst zu Ende gegangen. Claus Graf von Stauffenberg und seiner Freunde gelten vielen Menschen in der Bundesrepublik weiter nicht als Freiheitshelden, sondern als Verräter. Die heute vielfach als abgetan rubrizierte Aufarbeitung des Dritten Reiches und seiner Verbrechen ist noch in vollem Gang. Bis zur Ausstrahlung der TV-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“, die eine Zäsur in der kollektiven Erinnerung an den Holocaust setzen würde, sollten noch fast zehn Jahre vergehen. In dieser Zeit demonstriert Sieverding mit ihrer Bildserie geradezu brachial direkt, was es heißt, sich ins Gesicht zu sehen, das eigene Selbst mit seinen Widersprüchen und seiner Vergangenheit auszuhalten.

Als die Künstlerin 1997 Deutschland auf der Biennale von Venedig vertritt, muss sie für ihre Fotoserie heftige Schelte einstecken . Kunstkritiker wiesen den Zyklus als zu dramatisch und selbstgefällig zurück. Die aktuelle Welle der Selfie-Kultur rückt das Anliegen dieser Bilder ohnehin in den Bereich der Unverständlichkeit. Konterfeis mit dem Smartphone knipsen, posten, liken – das ist heute alltägliche Medienroutine.

Sieverding verfremdet das eigene Antlitz noch unter dem spürbaren Druck einer Selbstbefragung, von deren Intensität nichts weniger als die eigene Glaubwürdigkeit abhängt. Mit Überbelichtungen verbrennt sie das eigene Bild – und setzt es in abstrahiert kantigen Linien nur umso nachdrücklicher wieder in sein Recht. Sieverding bringt das Bild an eine Grenze, das eigene Ich gleich mit. Denn es gibt keine erlösende Flucht aus dem Ich in sein Bild. Das ist die weiterhin bedrängende Botschaft des „Stauffenberg-Blocks“.

Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 21: Katharina Sieverding. Mal d’archive. Bis 21. September. Di.–Fr., 10–18 Uhr, Sa., So., 11–18 Uhr. www.kunstsammlung.de