Documenta und Skulptur-Projekte Kulturjahr 2017: Das Superjahr der bildenden Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann | 26.12.2016, 07:00 Uhr

Documenta, Skulptur-Projekte, Biennale: Diese einmalige Kombination macht 2017 zum Superjahr der Kunst. Ein Ausblick auf Ausstellungen, die man nicht verpassen sollte.

 Das Superjahr der Kunst: 2017 wird nicht irgendein Jahr, es wird das Jahr - zumindest, was die bildenden Künste angeht. Documenta in Kassel (10. Juni bis 17. September 2017), Skulptur-Projekte in Münster (10. Juni bis 1. Oktober 2017), Biennale in Venedig (13. Mai bis 26. November 2017) und dazu noch die Art Basel (ab 15. Juni 2017): Die vier Großereignisse finden alle in einem Jahr statt. Da es diese Konstellation nur alle zehn Jahre einmal gibt, avanciert 2017 zum Super-Jahr der Kunst. Kassel, Münster, Venedig: An diesen drei Orten wird eine Bilanz der zeitgenössischen Kunst von seltener Dichte gezogen werden. An den Hotspots der Weltkunst werden sich nicht nur Besucher zu Hunderttausenden drängen, auch die Sammler und Kuratoren werden wie eine Karawane der Kunst von Schauplatz zu Schauplatz ziehen. Mehr Betrieb gibt es selbst im immer quirligen Kunstbetrieb selten. Hier weiterlesen: Genre der Kunst - was ist eigentlich eine Installation? 

 Die Documenta in Kassel: Museum der 100 Tage - dieser Titel für die Documenta klingt inzwischen reichlich altbacken. Denn die Kasseler Kunstschau bietet mit jeder Ausgabe nicht nur eine neue, stark beachtete Lesart der aktuellen Kunst, sondern auch eine Bestandsaufnahme der Problemlagen der Gegenwart. Die 14. Ausgabe wird von Adam Szymczyk verantwortet. Der polnische Kurator wird neben traditionellen Orten wie Fridericianum und Documentahalle auch die strukturschwache Kasseler Nordstadt bespielen. Größte Neuerung: Die Documenta soll auch in Athen stattfinden. Das ist eine veritable Neuerung in der Geschichte des Ausstellungsformates. Künstlerin Marta Minujin hat beste Chancen jenes Documenta-Werk zu kreieren, das im Gedächtnis bleiben wird. Sie will aus 100000 einst verbotenen Büchern ihren „Parthenon der Bücher“ auf dem Kasseler Friedrichsplatz installieren und so eine Brücke nach Griechenland schlagen. Hier weiterlesen: Durch Mauern gehen - die Autobiografie von Marina Abramovic .

 Die Skulptur-Projekte in Münster: Wird die fünfte Ausgabe der 1977 zum ersten Mal ausgerichteten Skulptur-Projekte noch Skulpturen zeigen? Für das Kuratorenteam, das aus Britta Peters, Imke Itzen, Marianne Wagner und Kasper König, dem Miterfinder des Formats, besteht, ist jedenfalls klar, dass sich der Begriff der Skulptur ausgeweitet hat. Ob Objekt oder Intervention in den Stadtraum - der Begriff Skulptur wird bei der Schau, die in der Münsteraner City und rund um den Aasee ihre klassischen Schauplätze hat, viele Kunstformen unter sich vereinen. Dabei kommt auch bei den Skulptur-Projekten die Performance immer mehr in den Blick. Künstlerin Alexandra Pirici wird ihre Performance im Friedenssaal des Münsteraner Rathauses gestalten und dabei die Frage nach Krieg und Frieden heute stellen. Diese Arbeit könnte am Ende auch bei vielen Besuchern als Bild der fünften Skulptur-Projekte im Gedächtnis haften bleiben. Hier weiterlesen: Kunstformat in Münster - was sind eigentlich die Skulptur-Projekte? 

 Zeit für gediegene Klassiker: Die Großformate der aktuellen Kunst drängen in den Hintergrund, was sonst ganze Ausstellungsjahre bestimmt - die splendiden Blockbuster der Alten Meister. Aber 2017 fahren die Museen in diesem Segment groß auf. Passend zum 500. Jahrestag der Reformation präsentiert der Düsseldorfer Museum Kunstpalast unter dem Titel „Meister, Marke, Moderne“ Bilder von Lucas Cranach (8. April bis 30. Juli 2017), der einst Martin Luther genial wirkungsvoll porträtierte. Nur eine halbe Autostunde am Rhein entfernt bietet das Kölner Wallraf-Richartz-Museum mit seiner Tintoretto-Schau (6. Oktober 2017 bis 28. Januar 2018) schon den Ausblick auf den 500. Geburtstag des venezianischen Meisters im Jahr 2018. Einen Einblick in ein bislang wenig wahrgenommenes Kapitel der Kunstgeschichte eröffnen ab dem 11. Oktober 2017 die Staatlichen Museen zu Berlin. Im Kulturforum werden mit „Gesichter Chinas“ Porträts aus dem Reich der Mitte seit dem 16. Jahrhundert gezeigt. Hier weiterlesen: Große Kunst im Kino - die Welle der Künstlerfilme .

 Die Stars der Moderne: Sie ziehen immer - die großen Namen der klassischen Moderne. Seit Jahren hat die Kunst des Franzosen Edouard Manet Konjunktur. Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum setzt seine äußerst erfolgreiche Serie mit Ausstellungen zum Impressionismus fort und präsentiert mit Manet (24. Oktober 2017 bis 25. Februar 2018) wichtige Bilder des Malers, der wie kein Zweiter der Gesellschaft des bürgerlichen Zeitalters den Spiegel vorhielt. Mit Otto Dix (11. Februar bis 14. Mai 2017) rückt die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen den größten Porträtisten der Neuen Sachlichkeit ins Zentrum. Und die Kunsthalle Bremen präsentiert schließlich mit „Max Beckmann. Welt-Theater“ (30. September 2017 bis 4. Februar 2018) einen der wichtigsten Maler des 20. Jahrhunderts. Ob Manet, Dix oder Beckmann - alle drei Künstler waren starke Diagnostiker ihrer unruhigen Epochen. Hier weiterlesen: Künstlerpaare zwischen Symbiose und Konkurrenz. 

 Die Hotspots der Gegenwart: Das Herforder Museum Marta wurde zuletzt zum Museum des Jahres gewählt. 2017 wird das Haus seinen ausgezeichneten Ruf bestätigen. Zum Beispiel mit der Ausstellung „Die innere Haut - Kunst und Scham“ (4. März bis 4. Juni 2017), einer Themenausstellung über Kunst zum Thema Körpergefühl. Gleich darauf folgt mit „Zwischen Zonen“ (24. Juni bis 24. September 2017) eine Schau, die Künstlerinnen aus dem arabischen Raum zu einer spannenden Bestandsaufnahme der Kunst aus dem islamischen Kulturkreis versammelt. Neben diesen absehbar thesenstarken Projekten wird sich die Kunsthalle Emden mit „American Dream“ (18. November 2017 bis 27. Mai 2018) behaupten. Die groß angelegte Ausstellung versammelt Bilder des amerikanischen Realismus seit 1965 von Stars wie Andy Warhol, Alex Katz oder Edward Hopper. Unbedingte Beachtung verdient auch die Versammlung von Selbstbildnissen der Österreicherin Maria Lassnig im Essener Museum Folkwang (10. März bis 21. Mai 2017). Die 2014 verstorbene Malerin sorgte mit ihren eigenwilligen Körperbildern für Furore. Wer es richtig trendy mag, ist im Düsseldorfer NRW-Forum gut aufgehoben. Das Ausstellungshaus erkundet den „Mythos Tour de France“ (19. Mai bis 23. Juli 2017) mit Fotos von Henri Cartier-Bresson, Robert Capa und anderen Altmeistern der Fotografie. Das Thema passt perfekt zum sportlichen Großereignis „Grand Départ“: Am 1. Juli 2017 wird in Düsseldorf die Tour de France starten. Hier weiterlesen: Kunststars im Gespann - Museen setzen auf Konflikt.